Haarausfall: Wenn sich die Kopfhaut lichtet

© inesbazdar - Fotolia.com

Yul Brynner und Telly Savalas (“Kojak“) beweisen es: Auch Männer mit Glatze können attraktiv, begehrt und erfolgreich sein. Etliche ihrer Geschlechtsgenossen sehen das aber gar nicht locker, lichtet sich zunehmend ihr Haupt. Und viele Frauen betrachten es sowieso als Schönheitsmakel, besitzen sie keine wallende Mähne. Dann tut guter Rat not, wie man dem unerwünschten übermäßigen Haarausfall Paroli bietet.

Werden Haare am Körper nämlich sonst gern als störend empfunden und sogar entfernt, am Kopf sollen sie dicht wachsen, gilt dort eine volle Haarpracht doch als Zeichen für Jugend und Vitalität. Nun ist Haaren von Natur aus keine ewige Lebensdauer beschieden, kann aber mehrere Jahre betragen. Das heißt es gehen täglich Haare verloren, die normalerweise wieder nachwachsen und zwar rund einen Zentimeter lang pro Monat. Würden Haare ein Leben (etwa 75 Jahre) lang nie geschnitten, könnten sie eine Länge von ca. neun Metern erreichen. In puncto Anzahl der Haare spielt auch die Haarfarbe eine Rolle: Blonde verfügen über mehr, aber feinere Haare. Ebenso nimmt das Alter Einfluss auf die Beschaffenheit der Haare: Sie werden bei den meisten Menschen dünner und lichter.

Haare & Leben

Haarverlust kostet Lebensqualität. Das zeigen Untersuchungen, die belegen, dass schütteres oder gar fehlendes Kopfhaar bei Bemühungen um einen Arbeitsplatz oder einen Lebensgefährten/eine Lebensgefährtin nachteilig wirkt. Offenbar wird volles Haar mit Attraktivität und Leistungsfähigkeit gleichgesetzt. Wird das Kopfhaar schütter, leidet daher oft die Seele. Bei Frauen anscheinend mehr als bei Männern, denn die Mehrzahl von ihnen würde alles Mögliche unternehmen, um einen Haarausfall aufzuhalten, während etwa die Hälfte der Männer bereit ist, die zunehmende Kahlheit tatenlos zu akzeptieren.

Wen die schwindende Haarpracht stört, kann mit Tricks wie extremen Kurzhaarfrisuren, Toupets, Perücken oder Kopfbedeckungen arbeiten. Das ändert aber natürlich nichts am zugrunde liegenden Problem. Daher greifen potenzielle Kahlköpfe gern zu allerlei angeblichen Haarwuchsmittelchen wie Tinkturen, Nahrungsergänzungspräparaten, Tees u.v.a.m. Meist mit fraglichem Erfolg. Denn die Palette an möglichen Ursachen für das Schwinden der natürlichen Kopfbedeckung ist groß, die Möglichkeit, ihm Einhalt zu gebieten, oft eher begrenzt. Haarausfall ist schließlich nicht gleich Haarausfall. Im Wesentlichen gibt es davon vier Formen, wobei zwischen dem Einwirken der Ursache für den Haarausfall und seinem Sichtbarwerden ein Zeitraum unterschiedlicher Länge liegen kann. Die Medizin unterscheidet dabei zwischen einem Effluvium (lat.: Ausfall), d.h. einem über die Norm gesteigerten Haarausfall, der nicht in eine Alopezie münden muss aber kann und einer Alopezie (Alopecia), d.h. einer sichtbaren Lichtung des Kopfhaars mit abnorm schütterem Haupthaar (Hypotrichose) oder haarlosen Hautarealen (Alopezie im engeren Sinne).

Androgenetisches Effluvium: Hormone als Übeltäter

Das hormonell bedingte androgenetische Effluvium (“männlicher“ Haarausfall, androgenetischer Haarausfall, Alopecia androgenetica) ist die weitaus häufigste Form von Haarausfall. Sie kommt durch eine erblich festgelegte, individuell verschieden hohe Sensibilität der Haarwurzeln gegenüber vorhandenen Androgenen (männliche Hormone) zustande, wobei die Hormonspiegel zumeist im Normbereich liegen und man hier oft eine familiäre Veranlagung dafür findet. In der Folge kommt es beim starken Geschlecht zur Bildung von Winkeln, umgangssprachlich “Geheimratsecken“ genannt, und der sogenannten Tonsur, einer sich ausweitenden kahleren Stelle am Hinterkopf bis hin zur Entwicklung einer Glatze. Dieser Prozess setzt meist in der zweiten Lebenshälfte ein, unter Umständen jedoch auch bereits vor dem 20. Lebensjahr.

Die Behandlung der Alopecia androgenetica zielt v.a. auf die Erhaltung vorhandener Haare ab und besteht aus mehrmonatigem Auftragen einer Minoxidil-hältigen Lösung. Bei ausbleibendem Erfolg kann die längerfristige Einnahme des Wirkstoffs Finasterid, das in den männlichen Hormonhaushalt eingreift und deshalb auch Nebenwirkungen haben kann (z.B. Erektionsstörungen), Abhilfe schaffen. Die Substanz blockiert das Enzym 5-alpha-Reduktase, das Testosteron zu Dihydrotestosteron (DHT) umwandelt. Es greift wahrscheinlich in den Wachstumszyklus der Haare ein (Reduktion der Wachstumsphase). Da bei dem androgenetischen Effluvium mehr 5-alpha-Reduktase vorhanden ist, wird auch mehr DHT gebildet. Daraus resultiert ein schnellerer Haarausfall als normal und eine Veränderung der nachwachsenden Haare: Sie werden immer dünner. Sterben Haarwurzeln ab, kommen an diesen Stellen auch keine nachwachsenden Haare. Als letzte Möglichkeit, dem hormonbedingten Kahlschlag Einhalt zu gebieten bleibt dann – bei hohem Leidensdruck – nur noch die Haartransplantation.

Frauen sind zwar natürlicherweise einer anderen Hormonsituation unterworfen als Männer, bleiben aber dennoch nicht in jedem Fall vor der Entwicklung eines androgenetischen Effluviums gefeit. Die Einnahme von Anti-Baby-Pillen, die bestimmte Gestagene enthalten, die Menopause oder auch ein polyzystisches Ovarsyndrom, bei dem die Eierstöcke vermehrt männliche Hormone ausschütten, können dafür sorgen, dass auch das weibliche Geschlecht einen männertypischen Haarausfall (Anzeichen: Behaarung an Oberlippe, Kinn, Bauchnabel usw. nimmt zu) entwickelt. Allerdings mit dem Unterschied, dass sich die Kopfhaut etwas anders lichtet: zuerst der Scheitelbereich, dann das angrenzende Oberhaupt und die Schläfen. Ebenso hormonell verursacht ist ein ev. Haarausfall ca. drei bis vier Monate nach einer Geburt (postpartales Effluvium), wenn der Östrogenspiegel stark absinkt.

Liegt ein hormonelles Ungleichgewicht vor, können Antiandrogene oder eine Hormonersatztherapie helfen. Außerdem Minoxidil und topische Hormonzubereitungen wie z.B. östrogenhältige Haartinkturen (unbewiesen).

Diffuser Haarausfall: vielfältige Ursachen

Wird das Kopfhaar relativ gleichmäßig schütter, spricht man von einem diffusen Haarausfall (Alopecia diffusa). Häufige Ursachen dafür sind ein Eisenmangel, Medikamente (z.B. Antidepressiva, Statine = Blutfettsenker, Chemotherapie), einseitige Ernährung (z.B. übertriebene Diäten) oder Resorptionsstörungen (gestörte Nährstoffaufnahme, z.B. im Rahmen von Magen-Darm-Krankheiten), Schilddrüsenerkrankungen, ein Diabetes mellitus, schwere Infektionskrankheiten, eine Mitbeteiligung der Kopfhaut an entzündlichen Hautleiden (z.B. seborrhoische Dermatitis) oder psychische Belastungen. Frauen leiden häufiger unter diffusem Haarausfall als Männer. Hier ist zunächst eine Ursachenabklärung angesagt. Die Therapie richtet sich nach den dabei erhobenen Befunden (z.B. Eisenpräparate bei Eisenmangel).

Kreisrunder Haarausfall: Der Körper wehrt sich gegen seine eigenen Haare

Diese eher seltene, autoimmunologisch (Immunsystem richtet sich gegen körpereigene Strukturen) bedingte, entzündliche Form von Haarausfall mit plötzlich auftretenden, rundlichen kahlen Stellen, die auch zusammenfließen können, tritt vorwiegend am Kopf, seltener auch in der Bartregion oder an den Augenbrauen auf. Sie kommt oft bei Atopikern (Menschen mit zu Überreaktionen neigendem Immunsystem), nach Infektionen, in Stresssituationen, bei Diabetes, Schilddrüsenfunktionsstörungen oder auch idiopathisch (ohne erkennbare Ursache) vor. Die Alopecia areata, wie die Störung im medizinischen Fachjargon heißt, kann Kinder, Jugendliche und Erwachsene befallen und bis zu einer Alopecia totalis (Verlust der gesamten Kopfbehaarung) oder Alopecia universalis (Verlust der gesamten Körperbehaarung) fortschreiten.

Vernarbender Haarausfall: Nimmt die Kopfhaut Schaden, schwinden die Haare

Narbenbildende Prozesse wie Verbrennungen, Verätzungen, Pilzinfektionen, chronisch-entzündliche oder autoimmunologisch bedingte Hauterkrankungen (z.B. Schuppenflechte, Folliculitis decalvans, Lupus erythematodes, Lichen planopilaris, Broque´sche Pseudopelade) an der Kopfhaut führen zum vernarbenden Haarausfall (vernarbende Alopezie, Alopecia cicatricia). Hierbei gehen Haarfollikel (Strukturen, aus denen die Haare nachwachsen) zugrunde, sodass die Haare unwiederbringlich verloren gehen. Eine Biopsie (Entnahme einer Gewebeprobe) mit anschließender histologischer Untersuchung und ggf. autoimmunologische Abklärung sichern die Diagnose. Therapeutisch wird versucht, mit Kortikosteroiden zugrundeliegende Entzündungsprozesse zu stoppen.

Was wirklich hilft

Sofern dem Haarausfall nicht eine behandelbare Krankheit zugrunde liegt oder der Haarausfall von Haus aus vorübergehender Natur ist (z.B. bei Frauen nach einer Geburt) recht wenig, muss man ehrlicherweise sagen. Grundbedingung, dass eine medikamentöse Therapie fruchten kann, ist jedenfalls das Vorhandensein funktionsfähiger Haarwurzeln.

Erhebungen der Stiftung Warentest zu in der Medizin verwendeten Haarwuchsmitteln haben ergeben, dass lediglich eine Substanz sich nachweislich rühmen kann, androgenbedingten Haarausfall zu verlangsamen und den Haarwuchs wieder anzuregen, wobei der Wirkmechanismus von Minoxidil bislang nicht genau bekannt ist (bessere Durchblutung der Haarwurzel?). Allerdings führt das nicht in jedem Fall zu einem kosmetisch zufriedenstellenden Ergebnis und der Haarausfall geht bei Absetzen der Arznei unvermindert weiter. Zudem weiß man nicht genug über Auswirkungen einer Langzeitbehandlung mit Minoxidil. Abgesehen davon kann das Präparat – auf die Kopfhaut aufgetragen – Nebenwirkungen wie Juckreiz, Schuppen, Brennen, Hautrötungen und –entzündungen verursachen. Da die Substanz blutdrucksenkend wirkt, kann sie bei oraler Einnahme auch zu unerwünschten Effekten aufs Herz-Kreislauf-System mit Symptomen wie Schwindel oder einem beschleunigten Herzschlag führen. Gelegentlich schießt die gefragte Wirkung – Förderung des Haarwuchses – auch übers Ziel hinaus und lässt vermehrt Haare an Stellen wachsen, wo man sie nicht haben will (z.B. Gesicht).

 

Weiter führende Links:
Haarausfall-Selbsttest
Pseudopelade Brocq
Lichen planopilaris

Link zu unserem Lexikon:
Haarausfall

Verwandter Ratgeber:
Haarausfall (Alopezie, Effluvium)