Vanille: verführerisch würzige Gesundheit

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Gestresst und gereizt? Oder lustlos und schlapp? Dagegen gibt es ein natürliches und zugleich köstliches, aber recht rares Mittel, mit dem Köche vor allem Süßspeisen gerne würzen: echte Vanille. Die aromatische Orchideenfrucht erfreut aber nicht nur Gaumen und Gemüt. Sie verfügt auch über allerlei Heilwirkungen. Und: Sie regt das Geschlechtsleben an.

Jeder kennt den Geruch und Geschmack von Vanille. Dass die “Königin der Gewürze“ erotisierend wirkt, ist ebenfalls nicht neu. Dass sie – vielleicht sogar ungeahnte – Heilwirkungen besitzt, wissen aber oft nur Insider. Schade, denn selten sind Arzneien außer heilsam auch noch ausgesprochen wohlschmeckend bzw. wohlduftend.

Orchideenfrucht Vanille

Die zur Pflanzenfamilie der Knabenkrautgewächse (Orchidaceae) gehörende Vanille stammt aus Lateinamerika, wo sie bei den Maya und Azteken, die sie als “Geschenk der Göt¬ter” bezeich-neten, als Gewürz (z.B. zur Verfeinerung des bitteren Xocolatl = eine Art Trinkschokolade aus Wasser, Kakaopulver, Gewürzen, ev. etwas Honig) und zu Heilzwecken diente. Bis zum 19.Jahrhundert blieb ihr Wachstum auf diese Örtlichkeit beschränkt, da nur dort die für die Bestäubung ihrer Blüten nötigen Insekten und Vögel leben. Inzwischen gedeiht Vanille in vielen tropischen Regionen wie in Indonesien und auf anderen Inseln im indischen Ozean wie Madagaskar oder den Komoren. Eine dieser Inseln, La Réunion, hieß früher Ile Bourbon und dient somit als Namensgeberin der besonders aromatischen Bourbon-Vanille. Die spanischen Konquistadoren brachten – nebst Tomaten, Kartoffeln, Paprika, Kakao usw. – Vanille vor einigen Jahrhunderten nach Europa.

Die anspruchsvolle, krautige, lianenartige Vanille rankt sich mit ihren dünnen Luftwurzeln und ca. 25 cm langen ledrigen, leuchtend grünen Blättern an kräftigen Ziehbäumen (“tuteurs“) hoch. Sie benötigt für ihr Gedeihen hohe Temperaturen und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Ihre erstmals nach drei Jahren austreibenden, angenehm duftenden, weiß-gelblichen bis grünlichen Blüten wachsen einzeln oder in kurzen Trauben und müssen in den Erntegebieten künstlich, d.h. mühsam von Hand bestäubt werden, weil es an natürlichen Bestäubern (z.B. mexikanische Bienen oder Kolibris) fehlt. Das hat auch noch rasch zu geschehen, da sich die Blüten nur für Stunden zeigen.

Das Gewürz Vanille wird aus reifen, getrockneten Scho¬ten gewon¬nen, die den bestäub¬ten Blü¬ten entwachsen, wobei von den weltweit mehr als 100 verschiedenen Vanillesorten nur 15 süß-würzige Kapseln (100 -120 pro Pflanze) liefern. Wird der richtige Zeitpunkt der händisch erfolgenden Ernte versäumt, schimmeln die Kapseln (Samenkapseln, Schoten) oder platzen auf und verlieren ihre kostbaren Samen. Ein zu frühes Pflücken wiederum erbringt Schoten (gelbgrün, bis zu 30 cm lang) ohne Aroma. Nach der Ernte erfolgt die mehrere Wochen andauernde, arbeitsintensive Trocknung bzw. Fermentierung durch Wärme, damit sich die recht geschmacksarmen grünen Kapselfrüchte zu wohlriechenden und würzigen, schwarzbraunen Schoten entwickeln. Während dieses Vorgangs finden Sortierungsprozesse hinsichtlich Größe, Farbe, Feuchtigkeitsgehalt und Form der Schoten statt. Jede Schote wird zudem unzählige Male zwischen den Fingern gerollt, um sie zu strecken und das ölige Vanillemark in ihrem Inneren zu lösen, damit eine ölig-glänzende Oberfläche entsteht und das ganze Aroma freigesetzt wird, wobei sie viel von ihrem ursprünglichen Gewicht verliert. Dieser enorme Aufwand von der Bestäubung über die Ernte bis hin zur Verarbeitung erklärt den hohen Preis von Vanille.

Kommerziell genutzt werden im Wesentlich drei Sorten: vor allem die echte Vanille (Vanilla Planifolia, Vanilla Fragans, Vanilla aromatica), wozu auch die Bourbon-Vanille gehört, sowie die – weniger aromatische – westindische (Vanilla Pompona, Antillenvanille, Guadeloupe-Vanille: eher herbes Aroma, Verwendung vorwiegend in der Kosmetik und als Arzneimittel) und Tahiti-Vanille (Vanilla Tahitiensis: zartes, blumiges Aroma, Verwendung in der Küche und zur Parfümherstellung).

Echte Vanille versus synthetisches Vanillin

Vanille besteht aus Zucker, Fetten, Cellulose und Mineralstoffen sowie reichlich Wasser. Das hauptsächlich geschmackverleihende aromatische Aldehyd und Antioxidans Vanillin wird erst beim Fermentationsprozess während der Trocknung freigesetzt. Da echte Vanille, deren einzigartiger Geruch und Geschmack auf einem Gemisch aus zahlreichen natürlichen Substanzen (z.B. Vanillin, p-Hydroxybenzaldehyd, Phenole, Phenolether, Alkohole, Carbonylverbindungen, Säuren, Ester, Lactone, aliphatische und aromatische Kohlenwasserstoffe) beruht, nur begrenzt verfügbar und aufgrund der aufwändigen Anbau- und Verarbeitungsverfahren teuer ist, viele aber nicht auf ihr Aroma verzichten möchten, wurde im Labor künstliches Vanillin (z.B. Ethylvanillin) entwickelt. Letzteres entstammte einst dem ätherischen Öl der Gewürznelke (Eugenol) und wird heute – noch  billiger – aus einem Abfallprodukt der Papierindustrie gewonnen. Das synthetische Vanillin erreicht zwar nicht annähernd den feinen Geschmack oder gar den komplexen Duft echter Vanille, aromatisiert aber bereits den Großteil an Vanillinzucker, Süß- und Backwaren, außerdem Joghurts, Speiseeis, Cola, Alkoholika, Kosmetika und Tabakwaren. Obwohl die Möglichkeit in Betracht gezogen wird, es könnte Nerven und Erbgut schädigen oder auch Krebs begünstigen. Echter Vanille werden hingegen Heilwirkungen zugeschrieben.

Heilsame Vanille

In der Vergangenheit diente Vanille als Mittel zur Steigerung der körperlichen Ausdauer und geistigen Leistungsfähigkeit sowie Arznei gegen allerlei Beschwerden wie etwa Husten, Rheuma,
Nervosität und Reizbarkeit, Krampfanfälle, Stimmungsschwankungen, Melancholie und Hypochondrie, Erschöpfungszustände, Schlafstörungen, Gallen-, Muskel-, Verdauungs- oder Potenzschwäche. Auch stimmungsaufhellende, stoffwechsel- und leicht menstruationsfördernde Eigenschaften wurden ihr nachgesagt. Vanille-Eis galt als Geheimtipp gegen Vomitus gravidarum (Schwangerschaftserbrechen).

Heutzutage stehen andere Heilwirkungen im Vordergrund des Interesses der medizinischen Wissenschaft. So zeigen etwa Vanillepräparate wegen ihres Gehalts an Alkaloiden (organische Verbindungen zum Schutz der Pflanze vor Keimbefall) entzündungshemmende, antiseptische (keimbekämpfende) und antimikrobielle (gegen Krankheitserreger gerichtete) bzw. v.a. fungizide (pilztötende) Effekte, was sie gegen Hauterkrankungen (z.B. Ekzeme) und Wundheilungsstörungen erfolgreich macht.

Weiters besitzt Vanille antioxidative Substanzen, die vor Mutationen (Erbgutveränderungen) und damit Krebs schützen könnten. Möglicherweise sind bestimmte Inhaltsstoffe sogar imstande, Krebszellen, die in der Regel unkontrolliert wuchern, in ihrem Wachstum zu bremsen, indem sie die Zellen in den Tod treiben. Da oxidative Prozesse auch bei Morbus Alzheimer eine Rolle spielen, wird zudem erforscht, ob Vanille diese aufhalten kann. Die Homöopathie setzt Vanille als Aphrodisiakum (erotisierendes Mittel) und Hirntonikum ein, die Aromatherapie ihr kostbares, besänftigendes und beruhigendes ätherisches Öl gegen Angstzustände, Depressionen und Schlaflosigkeit, Nervosität und Frustration.
All das nahezu nebenwirkungsfrei. Lediglich in der Vanilleproduktion Beschäftigte sind einem gewissen Risiko ausgesetzt, Hautausschläge, Schlaflosigkeit oder Kopfschmerzen zu entwickeln. Gelegentlich tritt auch eine Allergie gegen Vanille auf, was ihren Gebrauch verbietet.

Köstliche Vanille

Vanille dient zwar vorwiegend der Aromatisierung von Süßspeisen und Getränken wie etwa Eiscremes, Puddings, Soufflés, Dessertsaucen, Schokoladen, Kuchen, Torten, Konfitüren, Gelees, Kakao usw. usf., doch sie verleiht auch so manchem herzhaftem Gericht (Fleisch, Fisch) eine besondere Geschmacksnote. Damit die Aromastoffe der “Königin der Gewürze“ optimal zur Geltung kommen, werden Vanilleschoten der Länge nach aufgeschnitten und ihr Fruchtfleisch, wo die Aromastoffe hauptsächlich sitzen, mitsamt der schwarzen Samen herausgekratzt und verwendet. Doch auch die Schoten selbst sind nicht nutzlos und enthalten einige Aromastoffe, die z.B. durch Kochen der Schoten in Milch (z.B. Basis für eine Vanillesauce) gewonnen werden können. Obwohl die Vanille selbst oft ein Bestandteil von Naschereien ist, soll ihr Duft die Lust auf Süßes bremsen.

Das nach Safran zweitteuerste Gewürz der Welt hat besonders in der Advent- und Weihnachtszeit – z.B. in köstlichen Vanillekipferln – Hochsaison. Am besten in Form von echtem Vanillezucker. Anders als künstlich erzeugter Vanillinzucker besteht dieser aus Zucker und Vanille (erkennbar als kleine schwarze Pünktchen, die beim Zermahlen der Samen entstehen). Ihn  kann man auch selbst herstellen, indem man eine oder mehrere Vanilleschoten (je mehr, desto aromatischer der Vanillezucker) auskratzt und nach und nach mit weißem Zucker zu einer krümeligen Paste verreibt, in ein luftdicht verschließbares Gefäß füllt und sechs bis acht Wochen ziehen lassen.

Verführerische Vanille

Neben Würze und Heileffekten zeichnet Vanille eine besondere Eigenschaft aus, die schon Indianerinnen im alten Mexiko, die sich zwecks Erhöhung ihrer erotischen Anziehungskraft mit Vanilleschoten einrieben, zu schätzen wussten: Sie regt den Geschlechtstrieb an. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Ihr Hauptduftstoff, das Vanillin, ist chemisch eng verwandt mit menschlichen Pheromonen (Sexuallockstoffe). Die “Belebung der Vitalität des Gehirns und der Geschlechtsorgane“ durch Vanille ist auch in unseren Breiten schon seit Jahrhunderten bekannt. So verkauften etwa Apotheken bis ins 19.Jahrhundert hinein Vanille als Mittel zur Luststeigerung – in Form von Pulver, Aufgüssen, Abkochungen oder Tinkturen. Diese stimulierende Wirkung macht die Vanille auch zum unersetzlichen Bestandteil vieler Duftessenzen in der Kosmetikindustrie (Parfüms, Badezusätze, Massageöle).

Lust auf einen prickelnden Abend? Dann ist vielleicht ein vanillereiches Candle Light Dinner hilfreich. Oder (auch) ein Liebestrank wie dieser: Je 30 Gramm Vanille- und Zimtstangen, Rhabarber- und Alraunenwurzeln grob zerkleinern, mit einer Flasche Weißwein ansetzen und zwei Wochen lang täglich verrühren oder schütteln. Dann abseihen, nach Belieben mit Honig süßen und dem/der Angebeteten servieren.

 

Links zu unserem Lexikon:
Vanilleöl in der Duftlampe
Vanilleöl-Einreibung
Vanilleöl-Massage
Vanilleöl-Vollbad
Vanille-Tinktur-Einnahme