Taubnessel: Gesundheit vom Wegesrand

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In reichlicher Menge, aber meistens unbeachtet wächst an vielen Wegesrändern ein heilkundlicher Schatz, der fast schon in Vergessenheit geraten ist. Und das obwohl die Heilpflanze – und zwar nebenwirkungsfrei – imstande ist, Schleimhäute zu schützen, Entzündungen zu lindern, manche Krankheitserreger abzuwehren und anderes mehr. Jedenfalls lohnt es sich, der als Unkraut verfemten Taubnessel mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Die mehrjährige, ausdauernde, bis zu 40 cm hoch wachsende, zu Unrecht oft als lästiges Unkraut missachtete Taubnessel ist eine weltweit, v.a. aber in Europa und Asien verbreitete Pflanze, die man in zahlreichen Gärten, in Entwässerungsgräben, auf Schuttplätzen, neben Hecken und alten Gemäuern sowie an Weg-, Wiesen- und Waldrändern, v.a. auf stick- und nährstoffreichen Böden im Halbschatten findet. Dort fristet sie meist ein unbemerktes Dasein. Zu Unrecht, denn sie hat allerlei Heilwirkungen.

Robuster Lippenblütler

Die Taubnessel gehört zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceae) und ähnelt in ihrem Aussehen der nicht mit ihr direkt verwandten Brennnessel. Ihre gestielten, herzförmigen, gegenständig wachsenden, grob gezähnten und weich behaarten, bis zu sieben Zentimeter großen Blätter verursachen jedoch bei Hautkontakt kein Brennen, weshalb sie die Bezeichnung Taubnessel erhielt. Ihr Gattungsname Lamium geht auf die Form ihrer in Scheinquirlen um einen vierkantigen, innen hohlen, locker behaarten Stängel angeordneten, nektarreichen, schwach bitter schmeckenden, weißen, roten oder gelben Blüten zurück, die an einen aufgerissenen Schlund (griech.: lamos = Rachen) erinnern und vier mit behaarten, braunen Staubbeuteln besetzte Staubblätter ausbilden. Der glockenförmige Kelch der Blüten besitzt fünf lange, spitz zulaufende Lappen. Ihre röhrenförmige, im vorderen Bereich erweiterte Krone hat eine helmförmige Oberlippe und zweilappige Unterlippe.

Entsprechend der jeweiligen Farbe unterscheidet man botanisch zwischen der weißen Taubnessel (Lamium album), gefleckten Taubnessel (Lamium maculatum, rosa bis purpurne Krone, weiß-rot gefleckte Unterlippe, glatte Teilfrüchte), roten Taubnessel (Lamium purpureum, Acker-Taubnessel, glatte Teilfrüchte), stängelumfassenden Taubnessel (Lamium amplexicaule, hellpurpurne Krone, warzige Teilfrüchte), silberblättrigen Taubnessel (Lamium argentatum) und gelben Taubnessel (Lamium galeobdolon, eiförmige bis lanzettliche Blätter, hellgelbe Krone, rötlich gefleckte Unterlippe, glatte Teilfrüchte). Im Volk heißt die Taubnessel auch Bienenfang, Bienensaug, Blumennessel, Goldnessel, Kuckucksnessel, Milde Nessel, Nettel, Sügerli, Todeskraut, Tote Nessel, Wurmnessel oder Zauberkraut, ihre weißfarbigen Vertreter auch Weiße Nessel oder Weiße Nesselblume. Ihre Blütezeit erstreckt sich von April bis Oktober. Dann verströmt sie einen honigartigen Duft, der vor allem Hummeln anlockt. Nach der Blütezeit entwickeln sich aus den Blüten viele kleine, aus vier Klausen bestehende Früchte.

Zu Heilzwecken genützt wird vorwiegend die weiße Taubnessel und zwar neben den Blüten (Lamii albi flos) auch das Kraut und die blühenden Sprossspitzen, wobei alle gesammelten Pflanzenteile beim Sammeln und Transport nicht zerdrückt werden sollten und – recht aufwändig – in einer sehr dünnen Schicht ausgebreitet und schonend getrocknet werden. Anschließend werden sie in gut verschlossenen, dunklen Gläsern aufbewahrt, um nicht durch den Feuchtigkeitsgehalt der Luft braun zu werden und an Wirksamkeit zu verlieren. In dieser Form kann man sie in Apotheken oder Drogerien erwerben. Oder als Arzneitees.

Traditionelles Naturheilmittel

Der Taubnessel schreibt die Naturheilkunde aufgrund ihrer Inhaltsstoffe wie ätherische Öle, Cholin, Glycoside (Iridoide, z.B. Lamalbid), Flavonoide (z.B. Rutosid, Tilirosid), Histamin, Saponine (lat.: sapo = Seife), Tyramin, Bitter-, Gerb- und Schleimstoffe adstringierende (zusammenziehende), antibakterielle, beruhigende, juckreizlindernde, blutreinigende, blutstillende, sekretions- und entzündungshemmende, gewebeverdichtende (die Durchlässigkeit kleinster Blutgefäßwände hemmende), harntreibende, krampf- und schleimlösende Wirkungen zu. Und setzt sie deshalb bei Atemwegserkrankungen (z.B. Erkältungen, Husten, Bronchitis, Asthma), Mundschleimhaut- und Zahnfleischentzündungen, Verdauungsbeschwerden (z.B. Magenentzündung, Blähungen), Gicht, Fieber, Haut- (z.B. Ekzeme, Furunkel, Verbrennungen, Wundheilungsstörungen), Blasen- und Frauenleiden (z.B. Menstruations-, Wechseljahrsbeschwerden, Weißfluss), Hämorrhoiden und Krampfadern, Prostataschwellung, Schwindel und Augenflimmern, Nervosität und Schlaflosigkeit ein. Meist in Form von Tees, aber auch Umschlägen und Badezusätzen. Und zwar schon seit dem frühen Mittelalter (z.B. von der Heilerin Hildegard von Bingen, 1098 – 1178), was sich unter anderem in der Darstellung der weißen Taubnessel auf zahlreichen Marienbildern niederschlägt.

Außerdem: Das frische Kraut der Taubnessel bereichert – z.B. ähnlich wie Spinat zubereitet, einem Kräutertopfen zugemischt oder in Form einer Suppe – den Speiseplan kundiger Gourmets von wohlschmeckendem Wildgemüse.

Heilsamer Wirkstoffmix

Die Zusammensetzung aus mehreren besonderen Inhaltsstoffen ist für die vielfältigen Heilwirkungen der Taubnessel verantwortlich. So greifen etwa die Iridoide in die Bildung des Enzyms Cyclooxygenase ein, das für die Herstellung von Prostaglandinen, die Entzündungen auslösen, erforderlich ist und wirken auf diese Art entzündungshemmend. Schleimstoffe entfalten einhüllende und reizlindernde Eigenschaften, bilden somit einen sanften Schutzfilm auf Schleimhäuten und beruhigen diese, falls sie irritiert sind, was den Einfluss von Reizen wie z.B. kalter Luft, heißen Getränken usw. abmildert.

Die Saponine wiederum nehmen Einfluss auf die Drüsenzellen der Atemwege und lösen dort festsitzenden Schleim. Während Gerbstoffe mit Eiweißen auf den Schleimhäuten reagieren, sodass diese ausfallen, unlöslich werden und damit ihre Struktur ändern. Daher treten Gerbstoffe zusammenziehend und gefäßverdichtend in Erscheinung, wodurch eine Barriere gegenüber manchen Krankheitskeimen entsteht.

Das Beste an der Pflanze: Der Taubnessel werden viele Heilwirkungen nachgesagt, aber es sind von ihr bis dato keinerlei Nebenwirkungen, Gegenanzeigen oder Wechselwirkungen mit anderen Arzneien bekannt.

 

Links zu unserem Lexikon:
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