Mistel: Baumparasit mit zauberhaften Heilwirkungen

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Wer unter einem Mistelzweig durchs Tor schreitet, hat Glück. Wer die Mistel gesundheitlich nutzt, aber auch. Denn die kultige immergrüne Heilpflanze tut Herz, Kreislauf und Stoffwechsel gut. Und soll sogar helfen, Krebs zu besiegen.

In so manchem Baum sitzen ein oder mehrere geheimnisvolle kugelige Gebilde, die vor allem im Herbst, wenn die Blätter fallen, sichtbar werden. Viscum album (weißbeerige Mistel) nennt die Wissenschaft diese schmarotzerhafte Pflanze, die Bäumen Wasser und Nährstoffe raubt. Sie befällt bevorzugt Pappeln, Apfelbäume, Tannen und Robinien, seltener Birnenbäume, Ebereschen, Linden, Kiefern und Weiden, gelegentlich – und dort gilt sie als besonders heilkräftig – sogar Eichen.

Obwohl die Mistel zur selbstständigen Photosynthese imstande ist, verankert sie sich mit ihren Wurzeln durch die Rinde ihres Wirtsbaumes hinein bis in dessen Holz und zapft so seine Säfte an. Sie ist also ein sogenannter Halbschmarotzer. Eine einzelne Mistel macht einem großen Baum in der Regel nichts aus. Von vielen Misteln bewachsene Bäume aber leiden unter den – wenn auch nur langsam wachsenden – ungebetenen Gästen und können absterben.

Die Kugelform der Mistel kommt durch eine fortlaufende Verästelung ihrer Zweige zustande. An deren Enden sitzen je zwei sich gegenüberstehende, längliche und gebogene Blätter mit “verkehrter Eiform“ (dickes Ende außen). Neigt sich der Winter seinem Ende zu, blüht die Mistel. Ihre Blüten sind gelblich und duften orangenartig. Ab September reifen die weißen, samenhaltigen Beeren mit klebrigem Fruchtfleisch heran.

Mystisches Sandelholzgewächs

Der zur Pflanzenfamilie der Santalaceae (Sandelholzgewächse) gehörige Baumbewohner besitzt viele volkstümliche Namen wie Affalter, Affolter, Albranken, Birnäpsel, Bocksbutter, Bocksfutter, Donarbesen, Donnerbesen, Donnerkraut, Drudenfuß, Druidenfuß, Elfklatte, Geißechrut, Geißkraut, Geißkrut, Guomol, Heil aller Schäden, Heiligkreuzfuß, Heiligkreuzholz, Hexenbesen, Hexenchrut, Hexenkraut, Hexenkrut, Hexennest, Immergrün, Kenster, Kinster, Klüster, Knisterholz, Laubholzmistel, Leimmistel, Marenstocken, Marentaken, Mistelsenker, Nistel, Offölterholz, Vogelchrut, Vogelleimholz, Vogelmistel, Wespe, Wintergrün, Wintersamen oder Wispen. Einige davon verraten die einst magische Bedeutung der Mistel, der schon die keltischen Druiden huldigten. Für ihre Zeremonien ernteten sie unter Beachtung der Mondphasen die Pflanze mit goldenen Sicheln. Ohne dass sie zu Boden fallen durfte, um nicht ihre Zauberkräfte einzubüßen.

Ein Teil ihres wundersamen Flairs ist bis heute erhalten geblieben. Etwa in dem Brauch, zur Weihnachtszeit einen Mistelzweig an die Haustür zu hängen, um Schaden (z.B. Feuer) vom Haus abzuwenden. Bekommt man einen Mistelzweig geschenkt, soll das Glück bringen. Die Mistel gilt zudem als Friedensbringer. Und: Es kursiert das Gerücht, dass aus Menschen, die sich unter Misteln küssen, glückliche Liebes- bzw. Ehepaare werden.

Früher Allheilmittel – heute Phytotherapeutikum

Magisch erscheinen auch ihre heilsamen Kräfte, die als beruhigend, blutstillend, harntreibend, krampflösend, entzündungshemmend und tonisierend beschrieben werden. Außerdem stärkt die Mistel die Gefäßwände, verlangsamt den Herzschlag und aktiviert das Immunsystem.

An wirksamen Inhaltsstoffen hat das Donnerkraut zu bieten: Acetylcholin, Alkaloide, Asparagin, Bitterstoffe, Cholin, Harz, Histamin, Inosit, Lektine, Oleanolsäure, Pyridin, Saponine, Schleimstoffe, Tyramin, Viscalbin, Viscin, Viscotoxin, Xanthophyll und Zink.

Dementsprechend nennt die Volksmedizin als Anwendungsgebiete Bluthochdruck, Herzschwäche, beschleunigter Puls, Arteriosklerose, Ödeme, Fieber, Verstopfung, Verdauungs-, Magen-, Bauchspeicheldrüsen- Gallen- und Nervenschwäche, Epilepsie, leichter Diabetes, Kopfschmerzen, Schwindel, Arthrosen, Rheuma, Gelenkentzündungen, Menstruations- und Wechseljahrsbeschwerden, Gebärmutterschmerzen, -blutungen und -geschwülste, Heuschnupfen, Krampfadern, Ekzeme, Geschwüre, eitrige Wunden und Krebs.

Die moderne Pflanzenheilkunde nützt Mistel-Zubereitungen vorrangig gegen Bluthochdruck und Krebs. Obwohl die Pflanze auch schwach giftige Substanzen (Viscotoxine) enthält.

Anwendung: innerlich und äußerlich

Misteltee dient primär zur Senkung von Bluthochdruck, hilft aber auch bei zu niedrigem Blutdruck. Ein nur scheinbarer Widerspruch, der sich durch die kreislaufstabilisierenden und herzstärkenden Effekte der Heilpflanze erklärt. Deshalb wirkt der Trunk auch gegen Herzschwäche und Arteriosklerose. Darüber hinaus kurbelt Misteltee Verdauung und Stoffwechsel an, weshalb er bei Verdauungsproblemen, Stoffwechselstörungen und auch rheumatischen Beschwerden zum Einsatz kommt. Geschnupfter Misteltee soll gegen Heuschnupfen helfen.

Auch Fertigpräparate mit Mistelextrakten zum Einnehmen sind auf dem Markt, wobei die anthroposophischen (Anthroposophie = spirituelle Weltanschauung mit Bezug zum Übersinnlichen) davon die Misteln streng nach deren Wirten trennen. Erkennbar am Namen des Produkts. So steht M für „malus“ (lat. = Apfelbaum), P für „pinus“ (lat. = Kiefer), A für „abies“ (lat. = Tanne), Qu für „quercus“ (lat. = Eiche) usw.

Mistelbäder, -tinkturen, -lotionen oder mit Mistel-Kaltauszug (in kaltem Wasser angesetztes Kraut) getränkte Kompressen lindern Ekzeme, Krampfadern und Unterschenkelgeschwüre, aber auch Arthrosen, Rheuma und Neuralgien.

Alternativmedizin gegen Krebs

Mistelpräparate in spezieller anthroposophisch-homöopathischer Aufbereitung dienen heute der Begleit- und Nachbehandlung sowie Verbesserung der Lebensqualität bei Krebs. Sie sollen herkömmlichen Krebstherapien zu mehr Erfolg verhelfen und die Nebenwirkungen einer Chemotherapie abmildern, können konventionelle Krebstherapien jedoch nicht ersetzen. In dieser Funktion werden sie seit Anfang des letzten Jahrhunderts eingesetzt. Als komplementärmedizinische Arznei gegen Krebs eingeführt wurden sie von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, und der Frauenärztin Ita Wegman. Hintergrund ist die Überlegung, dass wenn die Mistel schon einem Baum Wasser und Nährstoffe entziehen und ihn damit aushungern kann, sie es auch bei Tumoren schafft, deren Wachstum zu bremsen.

Die Präparate werden vom Arzt (Misteltherapie) normalerweise subkutan injiziert (unter die Haut gespritzt). Als mögliche Nebenwirkungen drohen Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerzen, ev. auch Kreislaufbeschwerden und allergische Reaktionen.

Schwangerschaft und Stillzeit verbieten die Anwendung von Mistelpräparaten.

 

Weiter führender Link:
Misteltherapie.at

Links zu unserem Lexikon:
Mistelkraut-Tee
Mistel
Krebs, allgemein

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