Angelika: mit Engelskräften gegen Verdauungsbeschwerden und Co.

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Wer ein Stück Angelikawurzel zur Mittsommernacht isst, wird von jeglicher Krankheit geheilt, sagt ein alter Volksglaube. Nun ganz so engelsgleich wirkt die Heilpflanze in Wirklichkeit zwar nicht. Doch immerhin befreit die Engelwurz von Verdauungsbeschwerden wie Blähungen, Völlegefühl oder Darmkrämpfen. Von allerlei Frauenleiden, Erkältungen und so manchem seelischen Tief.

In einer Zeit, als der “schwarze Tod“ wütete, soll laut Legende ein Engel eine Heilpflanze gegen die Seuche auf die Erde geschickt haben, die daraufhin Engelwurz bzw. Angelika (lat.: angelus = Engel) genannt wurde. Zum Glück spielt die Pest heute keine so bedeutende Rolle mehr, wohl aber Verdauungsbeschwerden, psychische Störungen oder Frauenleiden. Dagegen hilft die Angelika nicht nur magisch, sondern tatsächlich.

Nordisches Gemüse

Einst in jedem Garten zu finden wächst die zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae, Umbelliferae) gehörende zweijährige Angelika (Engelwurz) heute in Mittel- und Osteuropa häufiger wild – z.B. an Flussufern, in Mooren und besonders gern in Erlenwäldern – oder wird angebaut. Im ersten Jahr bildet die aus dem Norden (Island, Grönland, Skandinavien) stammende Pflanze am Boden eiförmige, leicht zugespitzte, zwei- bis dreifach gefiederte, hellgrüne Blätter. Im zweiten Jahr wächst sie mit rundem, hohlem und leicht gerilltem Stängel, der leicht bläulich sein kann, bis zu zwei Meter hoch, blüht von Juli bis August mit rundlichen, großen, gelblich-grünlichen Dolden und verbreitet einen aromatischen Duft. Sie besitzt rübenartige, dicke, rotbraune Wurzeln mit gelbem Milchsaft und gerippte Samen. Erst einmal angesiedelt sät sich die platzgreifende und sonnenliebende Pflanze auch von selbst aus, d.h. dann kommt sie immer wieder. Sie zieht Schnecken, Blattläuse und Spinnmilben an.

Die Engelwurz schmeckt leicht scharf und süßlich und wird in nördlichen Ländern als Gemüse verzehrt, Salaten, Suppen oder auch Saucen beigegeben oder als Würze (z.B. mit etwas Salz aufs Butterbrot) gebraucht. Früher füllte man Milch und Angelika-Samen in Schweinedärme, um so eine länger lagerbare “Käsewurst“ herzustellen.

Der Volksmund nennt die Angelika in Anlehnung an ihre heilenden und magischen Wirkungen auch Angst-, Argelklein-, Artelklee-, Brust-, Engel-, Engels-, Engelbrust-, Erzengel-, Geist-, Heiligengeist-, Luft-, Theriak- oder Waldbrustwurz, Angelika-, Angolken-, Dreieinigkeits-, Geist-, Glücken-, Heiligen-, Heiliggeist-, Luft-, Theriak- oder Zahnwurzel, Angelik, Edle Angelika, Gartenangelik, Giftwürze, Gölk, Heiligenbitter, Ledpfeifenkraut oder Zahme Angelika.

Inhaltsstoffe & Heileffekte

Für pharmakologische Zubereitungen genutzt werden v.a. die Wurzeln (Angelicae radix), aber auch die Blätter (Angelicae folium) und Samen (Fructus Angelicae, Semen Angelicae) der Angelica archangelica (Angelica major, A. officinalis, A. sativa, Selinum archangelica), wie die Angelika wissenschaftlich heißt. Bei ihrer Ernte (Blätter: vor der Blüte, Samen: im Spätherbst, Wurzeln: zeitiges Frühjahr oder Spätherbst) ist es ratsam, Handschuhe zu tragen, da die Pflanzensäfte die Haut reizen. Wurzeln, Blätter und Samen werden ohne Erhitzen schonend getrocknet, um keine ihrer wertvollen Substanzen einzubüßen. An Wirkstoffen enthält die Angelika u.a. ätherische Öle, Gerb- und Bitterstoffe, Terpene, Furanocumarine (Angelicin, Bergapten), Cumarine und Flavonoide. Deshalb entfalten die Wurzeln bereits im Mund ihre Effekte, bringen merkbar den Speichel, dann auch andere Verdauungssäfte (Magensaft, Galle) zum Fließen.

Laut Pflanzenheilkunde wirken ihre Inhaltsstoffe antiseptisch, abwehrsteigernd, appetitanregend, cholagog (galletreibend), karminativ (blähungstreibend), kraftspendend, keimtötend, kreislaufstabilisierend, magensaftfördernd, schleimlösend, schweißtreibend und spasmolytisch (krampflösend) sowie verdauungsfördernd. Demzufolge soll sie gegen Verdauungsprobleme wie Blähungen, Magenschwäche, Verstopfung oder Magen-Darm-Krämpfe, Appetitlosigkeit, gegen Magersucht, Leberschwäche, Erkältungen, Depressionen, Stress, Nervosität, Erschöpfungs- und Schwächezustände, Migräne, Rheuma, Gicht, Menstruations- und Wechseljahrsbeschwerden helfen. Zudem dient die Engelwurz als Gegenmittel gegen das Gift der Tollkirsche. Sie soll auch bei Alkoholvergiftungen nützen und sogar eine Abneigung gegen Alkohol erzeugen können.

Gebräuchliche Darreichungsformen der Angelikawurzel sind Tees und Tinkturen. Sie ist aber auch in äußeren Zubereitungen (Salben, Cremes Bäder) und vielen Kombinationspräparaten zu finden.

Neben der heimischen Angelika werden – v.a. in der Chinesischen Medizin – weitere Arten des Doldenblütlers für Heilzwecke verwendet wie z.B. die chinesische Angelika (Angelica dahurica) oder die Taiwan Angelika (Angelica taiwaniana).

Hauptwirkung: Anregung der Verdauung

Die Angelika mit ihren ätherischen Ölen und Furanocumarinen (= sekundäre Pflanzenstoffe) entkrampft, desinfiziert und beruhigt Magen und Gedärm, weshalb sie bei Leiden wie z.B. dem Reizdarm oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (z.B. Morbus Crohn), die oft mit Krämpfen, Schmerzen und einer beeinträchtigten Verdauungsfunktion einhergehen, zur Anwendung kommt.

Angelikawurzel-Extrakte mit ihren Bitterstoffen führen zu einer verstärkten Bildung respektive Ausschüttung von Magensäure, Gallensäuren und Bauchspeicheldrüsenenzymen, was den Appetit anregt und die Verdauung auf Trab bringt. Darum wirken sie – allein oder in Kombination mit anderen Heilpflanzen wie etwa der Pfefferminze oder dem Kümmel – gegen Beschwerden wie Appetitlosigkeit, Völlegefühl und Blähungen. Oft genossen als Bestandteil von Likören, die man selbst herstellen kann. Beispielsweise mit folgenden Zutaten: 60 g Angelikasamen, je 8 g Fenchel- und Anis-Samen, 6 g Koriander-Samen und einem Liter Branntwein oder halben Liter Wodka. Diese Mischung eine Woche ziehen lassen, dann ein halbes Kilo Zucker und einen Liter Wasser zugeben. Verdauungshilfe leistet die Engelwurz ebenfalls, wenn man sie in geringen Mengen Speisen als Gewürz beimengt. Sie ist auch Bestandteil vom Klosterfrau Melissengeist und von so manchem Magenbitter.

Magisches Schutzkraut

Die Engelwurz soll die Pest abwehren (ein Stück Angelika-Wurzel unter die Zunge legen; “Theriak“ =  dickes Mus aus pulverisierten Pflanzenteilen, Honig und Wein) können. Ebenso aber auch vor anderen Bedrohungen als “nur“ Krankheiten schützen. Wie z.B. vor “lüsternen“ Gedanken (Mäßigung der “tobenden Lust der jungen Menschen“), Hexerei und Angriffen von tollwütigen oder giftigen Tieren. Insbesondere bewahrt die nicht umsonst auch Heiligengeistwurzel genannte Pflanze vor dem Bösen, das mithilfe von Amuletten, Halsketten aus ihren Blättern oder dem Mitführen von ihren Wurzeln abgewendet wird. In alle vier Ecken eines Hauses verstreute Angelika soll gegen böse Geister wirken, verbrannte getrocknete Blätter gegen den Teufel (Exorzismus). Darüber hinaus diente sie für allerlei Zauber, z.B. zur Zubereitung eines Verjüngungstranks.

Als Räuchermittel gebraucht soll Angelika ihre Anwender mit einem schützenden Lichtmantel umgeben, sie sensibel machen, harmonisieren, bei der Selbstfindung unterstützen und für positive Einflüsse aus oberen Sphären (z.B. Engelkräfte) öffnen.

Heilpflanze mit Risiken

Kümmel und Anis ähneln der Angelika. Ebenso der sehr toxische Wasserschierling, weshalb man über entsprechende botanische Kenntnisse verfügen sollte, will man die Engelwurz zwecks Heilanwendung oder Verzehr sammeln, ohne eine Vergiftung zu riskieren.

Doch auch die Pflanze selbst birgt einige Gefahren. So soll eine zu hohe Dosierung Nervenlähmungen hervorrufen können. Bestimmte Inhaltsstoffe wie die Furanocumarine sensibilisieren die Haut für Sonnenlicht und können deshalb sonnenbrandähnliche Hauterscheinungen verursachen.

Andere wieder scheinen laut chinesischen Studien die Blutgerinnung anzukurbeln, was zwar für Menschen mit einer Gerinnungsstörung (“Bluter“) vorteilhaft wäre, nicht aber für solche mit Durchblutungsstörungen und Herzerkrankungen. Es empfiehlt sich daher, die Angelika nicht während einer Einnahme von Blutverdünnern oder die Blutgerinnung beeinflussenden Medikamenten zu verwenden. Zudem besitzt der Engelwurz eine die Menstruation auslösende Wirkung und sollte daher nicht während einer Schwangerschaft eingesetzt werden. Ebenso nicht bei schweren Monatsblutungen.

Da die Angelika die Magensäureproduktion anregt, verbietet sich ihre Anwendung bei Magen- und Darmgeschwüren. Aufgrund ihrer verdauungsfördernden Wirkung sollte sie auch bei Durchfall gemieden werden. Ebenso wenig eignet sie sich für kleine Kinder sowie bei Allergien gegen Doldenblütler.

 

Links zu unserem Lexikon:
Angelikawurzel (chinesische)-Tee
Angelikawurzel (chinesische)-Tinktur
Angelikawurzel (chinesische)-Wein
Engelwurzel-Tee
Engelwurzel-Vollbad
Doldengewächs-Nahrungsmittelallergie