Tai Chi: kraftvolle Gelassenheit, die gesund macht

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Nüchtern betrachtet handelt es sich bei Tai Chi um komplexe Bewegungsabläufe mit Selbstverteidigungsaspekt. Tatsächlich vereint das “Schattenboxen“ aber Elemente wie Meditation, Medizin und Kampfkunst miteinander. Indem es den Fluss der Lebenskraft reguliert, den “Blick nach innen“ schärft, Körperfunktionen verbessert und Selbstheilungskräfte anregt. Das verschafft innere Ruhe und beugt Krankheiten vor, lindert oder heilt sie sogar.

In China bieten in den frühen Morgenstunden viele Gärten und Parkanlagen ein Schauspiel der besonderen Art: Zahlreiche Menschen versammeln sich dort, um fließend ineinander übergehende Bewegungen auszuführen, die dem Kampf mit einem imaginären Gegner gleichen (“Schattenboxen“, “Meditation in Bewegung“). Diesen “Volkssport“ oder eigentlich ursprünglich traditionellen chinesischen Kampfstil, dessen philosophische Wurzeln im Taoismus liegen, nennt man Tai Chi (Tai Chi Chuan = “die höchste Kunst der Faust“), wobei es dafür – bedingt durch die chinesische Sprache, Übersetzungs- und Aufzeichnungsart – unterschiedliche Schreibweisen gibt wie etwa Taijiquan, Taiji (Quan), T’ai Chi, Tài Jí, Thai Chi, Taichi, T’ai Chi Ch’uan, Tàijíquán, T’ai-chi-ch’üan u.a.m. Und ein Symbol, das Yin- und Yang-Zeichen, das für das Dualismusprinzip (Zweiheit, Gegensätzlichkeit, Polarität) steht.

Tai Chi wird bereits seit Jahrhunderten als meditative Bewegungsform genutzt, um fit zu bleiben, Krankheiten vorzubeugen oder zu heilen (Kampf gegen “innere Feinde“ wie Krankheiten und Schwächen). Ein chinesisches Sprichwort behauptet sogar: „Wer regelmäßig Tai Chi übt, wird kraftvoll wie ein Holzfäller, geschmeidig wie ein Kind und gelassen wie ein Weiser.“ Doch was macht nun dieses System an gleichmäßig durchgeführten, harmonischen Übungen nach genau vorgegebenem Muster mit so klingenden Namen wie “Der Kranich breitet seine Schwingen aus“ oder “Über den Lotus streifen“ so unglaublich gesund?

Energie im Körper fließen lassen

Tai Chi harmonisiert den Fluss des Chi (Qi, japan.: Ki, korean.: Gi), der Lebensenergie, die laut der Traditionellen Chinesischen Medizin auf spezifischen Energiebahnen im Organismus, den Meridianen fließt und sämtliche Körperfunktionen beeinflusst, wobei jedes Organ eng mit einem bestimmten Meridian zusammenhängt. Jeder Mensch besitzt eine bestimmte Grundmenge an Chi, das seine Energie, Emotionen und seinen Atem umfasst. Dieses ererbte Chi verbraucht sich mit der Zeit, kann aber durch Übungen aufgeladen werden. Es sollte immer ungehindert fließen. Andernfalls leidet das Wohlbefinden und es können sich Krankheiten entwickeln. Demnach kommen jeder Schmerz und jede Krankheit durch eine Blockade im Energiekreislauf (Mangel, Überschuss oder Stagnation des Chi) zustande. Das heißt, es besteht ein Ungleichgewicht zwischen den gegensätzlichen, einander ergänzenden Polen Yin (entspricht den Qualitäten dunkel, kalt, passiv und materiell) und Yang (entspricht den Qualitäten hell, warm, aktiv und energetisch), die sich in einem immerwährenden Kreislauf gegenseitig beeinflussen und zusammen ein Ganzes bilden. Somit verfügen erkrankte Organe über einen gestörten Chi-Fluss bzw. zu wenig Yin- oder Yang-Qualitäten.

Folgerichtig führt eine Harmonisierung der Lebensenergie (Balance zwischen Yin und Yang) zu einer Heilung oder wenigstens Linderung von Beschwerden. Und das Chi zum Fließen bringen ist Sinn und Zweck der Atem-, Meditations- und Bewegungsübungen des Tai Chi, bei denen Yang- und Yinbewegungen einander ablösen. Denn je besser ausgeprägt die Körperwahrnehmung, Körperbeherrschung, Entspannung und innere Harmonie sind, desto stärker fließt die Energie im Körper bzw. umso eher wird ein Chi-Mangel ausgeglichen.

Ausgeklügelte Bewegungen mit fester Choreographie

Den Mittelpunkt des Tai Chi Trainings bilden sogenannte Formen, festgelegte Abfolgen von fließend ineinander übergehenden Bildern (Körperpositionen, Einzelbewegungen, Stellungen, Figuren), die den Charakter der jeweiligen Bewegung kennzeichnende, kämpferische oder poetische Namen tragen wie z.B. “Drehung und Tritt mit der Ferse“, “Schulterstoß“, “die Mähne des Wildpferds teilen“, “den Tiger umarmen und zum Berg zurückkehren“ oder “die Schlange kriecht nach unten“ bzw. werden viele Formen nach der Anzahl ihrer Bilder benannt (z.B. “24er-Peking-Form“). Die bildhaften Umschreibungen sollen Assoziationen wecken und den Zugang zu den der jeweiligen Übung zugrundeliegenden inneren Vorgängen erleichtern. Die Formen werden wiederholt geübt und verinnerlicht.

Beim Tai Chi gibt es verschiedene Stilrichtungen (Haupt- und Nebenstile) wie beispielsweise das in Europa sehr gebräuchliche Yang Tai Chi, bei dem die einzelnen Bewegungen in Zeitlupentempo, weich und fließend ausgeführt werden. Andere Stile beinhalten z.B. raschere, ausladende oder kleinere Bewegungen sowie Sprünge bzw. werden die Formen in unterschiedlich hohen Körperstellungen ausgeführt. Gab es ursprünglich im Tai Chi nur lange Formen, deren Ausführung bis zu anderthalb Stunden beanspruchen konnte, führte die Zeitknappheit der Moderne zur Entwicklung sogenannter Kurzformen, deren Dauer fünf bis 15 Minuten beträgt. Daneben gibt es auch Partner- und Waffenformen (z.B. mit Speer, Kurz- oder Langstock). Das wiederholte Durchlaufen einer bestimmten Form nach dem Einhalten einer mehrminütigen speziellen Ruhepose soll ihre gesundheitsförderliche Wirkung erhöhen.

Das Beste am Tai Chi: Es eignet sich – und das nahezu risikolos – für alle Altersgruppen, denn es kann den Bedürfnissen des Übenden angepasst werden. Wichtig bei seinem Erlernen ist aber ein Lehrer mit guter Ausbildung und langjähriger Erfahrung, der auf eine korrekte und stabile Haltung bei der Ausführung der Bewegungen achtet (sonst Gefahr: Schädigung von Gelenken) und korrigiert, wenn ein Übender eine Bewegung falsch ausführt. Und: zu lernen, in sich hineinzuhorchen, denn der Körper sendet Signale, ob Haltungen und Bewegungen für ihn gut sind oder nicht. Jedenfalls lässt sich das Schattenboxen nicht allein anhand von Büchern oder DVDs lernen, die höchstens eine Gedankenstütze bilden können. Viele Vereine bieten spezielle Kurse für Kinder, Senioren, Parkinsonpatienten oder Behinderte an.

Was kann Tai Chi?

Bei allen Formen des Tai Chi bleibt die Körperhaltung möglichst entspannt und aufrecht, was Haltungsfehler korrigiert und Muskelverkrampfungen löst bzw. stärken einzelne Übungen die Muskulatur z.B. am Rumpf, sodass die Wirbelsäule entlastet wird oder – durch die kontinuierlichen Beuge- und Streckbewegungen der Knie – an den Beinen. Der Blutfluss in der Haut und den inneren Organen, die Selbstheilungskräfte, Stoffwechselvorgänge und Verdauung sowie Beweglichkeit werden angeregt, ein erhöhter Blutdruck normalisiert. Die sanften, tänzerischen Bewegungen stehen im Ruf, eine Zunahme der Knochenmasse zu fördern und damit der Osteoporose (Knochenschwund) entgegenzuwirken. Auf jeden Fall fördern sie die Beweglichkeit der Gelenke und Dehnbarkeit der Muskulatur. Die Flexibilität des Bewegungsapparates und Koordinationsfähigkeit nehmen zu, was Stürze verhindert. Das ist besonders für Senioren von Bedeutung, die oft aufgrund von Gangunsicherheiten Opfer von Stolperfallen (z.B. Türstock, Teppichkante) werden.

Zudem werden beim Tai Chi die Bewegungen, die Atmung und der Geist aufeinander abgestimmt, wovon auch das Seelenleben profitiert. Denn die harmonischen Bewegungen wirken beruhigend und unterstützen den Stressabbau. Die begleitende tiefe Atmung fördert die Entspannung und vertreibt eine etwaige Reizbarkeit. Gelassenheit und gute Laune stellen sich ein. Konzentrationsfähigkeit, Selbstbewusstsein und Selbstentfaltung erfahren einen Aufschwung.

So zeigen mehrere Studien, dass Tai Chi imstande ist, u.a. Depressionen, das chronische Fibromyalgie-Syndrom oder Gelenkentzündungen zu lindern sowie dass von Morbus Parkinson Betroffene seltener stürzen und ihren Alltag besser bewältigen, wenn sie regelmäßig üben. Ein Grund dafür ist, dass Tai Chi die Beweglichkeit und den Gleichgewichtssinn fördert. Nicht zuletzt stärkt tägliches Üben bestimmte Immunzellen, d.h. die Zahl der Memory-T-Zellen (Gedächtniszellen) steigt, was widerstandsfähiger gegen Infektionen machen soll.

Auf jeden Fall haben die Übungen zum Ziel, Körper, Seele und Geist ins Gleichgewicht zu bringen. Bei Vorliegen psychischer Erkrankungen sollte aber vor dem Start der behandelnde Arzt über die Sinnhaftigkeit von Tai Chi befragt werden.

 

 

Weiterführender Link:
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