Strahlentherapie: wirksame Waffe in der Tumorbekämpfung

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Mit ausgeklügelter Technologie und akribischer Bestrahlungsplanung rückt die Strahlentherapie verschiedensten Krebszellen zuleibe und macht sie unschädlich. Unter dieser aggressiven “Kriegsführung“ leidet unfreiwillig auch gesundes Gewebe. Oft nur vorübergehend, manchmal aber auch jahrzehntelang.

Spätestens seit dem Atombombeneinsatz im zweiten Weltkrieg ist allgemein bekannt, dass ionisierende Strahlen imstande sind, zu schaden und zu töten. Genau diese schlimmen Eigenschaften nutzt die Medizin aber, um Krankheiten zu bekämpfen, die ebenso schädlich oder tödlich verlaufen können: bösartige Tumore. Und dabei erweist sich die Strahlentherapie (Radiotherapie, Bestrahlung) – allein oder in Kombination mit anderen Behandlungsmethoden (Operation, Chemo-, Hormon-, Immuntherapie) – als bemerkenswert wirksam. Allerdings fast immer mit Neben- oder auch Nachwirkungen.

Wie Strahlentherapie wirkt

Bestrahlung wird definiert als Einwirken von elektromagnetischen Wellen oder Teilchen auf den Körper. Genau genommen fällt darunter auch z.B. die natürliche Erdstrahlung, die radiologische Diagnostik (Röntgen, Computertomographie), die Behandlung mit Mikrowellen im Rahmen einer Hyperthermie, der gezielten Erwärmung von Körperteilen oder des ganzen Organismus usw. Im Wesentlichen wird damit aber die Anwendung ionisierender Strahlen zur Behandlung von Tumoren (Radioonkologie) bezeichnet. Mit dem Ziel, dass diese schrumpfen, langsamer wuchern oder das Wachstum einstellen, indem die Strahlen die Zellteilung hemmen oder gänzlich unterbinden. Das gelingt bei Krebszellen deshalb besser als bei normalen Zellen, weil deren Reparatursystem für Zellschäden nicht so gut funktioniert wie bei gesundem Gewebe. Somit sorgt die Bestrahlung dafür, dass Tumorzellen sich möglichst nicht mehr erholen, sondern zerstört werden, sodass im Idealfall kein erneutes Tumorwachstum sowie keine Streuung von Tumorzellen in andere Organe (Metastasierung) stattfindet. Das Ganze geschieht –  im Gegensatz zur Chemotherapie –  als lokale Behandlung, d.h. es wird – so weit möglich – nur dort bestrahlt, wo das Gewächs sitzt.

Damit das den Tumor umgebende, unfreiwillig in Mitleidenschaft gezogene, gesunde Gewebe sich von der Strahlenbelastung erholen kann, wird die anzuwendende Strahlendosis zwecks Gewährung von “Auszeiten“ zur Regeneration in mehreren kurz dauernden (einige Sekunden bis Minuten) Einzelsitzungen verabreicht (Fraktionierung), die sich in der Regel über einige Tage erstrecken.

Formen der Strahlentherapie

Die Anwendungsform einer geplanten Strahlentherapie richtet sich nach Lage, Zugänglichkeit und Art des jeweiligen Tumors, die Strahlendosis (gemessen in Gray: gibt an, wie viel Energie das bestrahlte Gewebe aufnimmt) nach der Strahlenempfindlichkeit des Tumors. All das wird für jeden Patienten individuell vom behandelnden Facharzt für Strahlentherapie/Radioonkologie festgelegt. Dabei unterscheidet man im Wesentlichen zwei Behandlungsmethoden: die Bestrahlung von außen (Teletherapie, äußere oder externe Strahlentherapie, perkutane Bestrahlung) und die Bestrahlung von innen (Brachy- oder Afterloadingtherapie, innere oder interne Strahlentherapie, Nachladeverfahren, Kontaktbestrahlung). Was davon zur Anwendung kommt, entscheidet der Radioonkologe anhand der Befunde und erarbeitet einen Behandlungsplan, der den zeitlichen Ablauf (“Bestrahlungs-Stundenplan“) sowie die Strahlendosis und Strahlenart festlegt.

Bei der Teletherapie befindet sich die Strahlenquelle außerhalb des Körpers, d.h. ein Therapiegerät (Linearbeschleuniger mit der Fähigkeit, unterschiedliche Strahlungsarten zu produzieren) gibt die entsprechende Strahlendosis von außen perkutan (durch die Haut) auf den Tumor ab. Auf dem Weg zum Tumor durchdringen die Strahlen auch gesunde Strukturen wie die Haut, das Unterhautfett- und Bindegewebe, mitunter auch andere Organe. Deshalb werden die Strahlenart und Anordnung der Strahlenfelder so gewählt, dass die Strahlenwirkung vornehmlich das Krebsgewebe trifft und sich die Strahlenbelastung für das umliegende Gewebe so weit wie möglich in Grenzen hält. Aus diesem Grund findet auch nach Erstellung des Behandlungsplans eine Simulation (realitätsnahe Nachstellung einer Situation) der Strahlentherapie statt, bei der ein spezielles Röntgengerät als Simulator dient, in das der zu Bestrahlende verbracht wird. Dann nimmt der Arzt exakt die geplanten Einstellungen vor und testet anhand des Gerätes, ob sie optimal passen. Denn nur das gewährleistet, dass die Strahlen tatsächlich den Tumor treffen und das gesunde Gewebe schonen. Markierungen auf der Haut des zu Bestrahlenden stellen sicher, dass bei den jeweiligen Therapiesitzungen immer die gleiche Stelle bestrahlt wird.

Die Brachytherapie (griech.: brachys = kurz; so genannt aufgrund der kurzen Distanz zwischen Strahlenquelle und Tumor) wiederum kommt bei Krebs an von außen gut zugänglichen Organen (z.B. Gebärmutter, Scheide, Speiseröhre, Luftröhre) zur Anwendung. Mithilfe eines mit einer Strahlenquelle bestückten Applikators (z.B. spezielle Hülse, Nadel, Schlauch). Der wird – wenn nötig unter Röntgen- oder Ultraschallkontrolle in eine Körperhöhle (intrakavitäre Brachytherapie) oder direkt ins Tumorgewebe (interstitielle Brachytherapie, Spickung des Gewebes mit radioaktiven Implantaten. z.B. mittels per Kanüle eingeführter, reiskorngroßer Seeds, d.h. radioaktiver Metallteilchen mit einer Strahlungsreichweite von wenigen Millimetern) eingebracht. Danach (daher “Afterloading“) wird computergesteuert (verhindert eine Strahlenbelastung fürs Personal) die Strahlung freigesetzt. Sowohl bei der Tele- als auch bei der Brachytherapie befindet sich der zu Bestrahlende in einem abgeschirmten Raum. Mit der Möglichkeit, via Lautsprecher mit dem medizinischen Personal zu kommunizieren.

Daneben gibt es in bestimmten Fällen die Option einer metabolischen Strahlentherapie, d.h. der intravenösen Verabreichung spezieller Radionuklide, die sich im Tumorgewebe anreichern, z.B. zur Behandlung von schmerzhaften Knochenmetastasen oder Schilddrüsenkrebs (mit strahlendem Jod). Außerdem eine intraoperative Strahlentherapie zur Bestrahlung des Tumorbetts nach Entfernung eines Gewächses während des chirurgischen Eingriffs. Ionisierende Strahlen können aber unter bestimmten Umständen auch selbst als “Skalpell“ dienen (“Gamma-Knife“), etwa zur Operation von Hirntumoren.

Ziele der Srahlentherapie

Tumorart und –stadium entscheiden darüber, wie erfolgreich eine Strahlentherapie wirkt. Im günstigsten Fall heißt das Ergebnis Heilung, d.h. das Gewächs wird vollständig zerstört. Wie es häufig bei lokalisiertem Lymphdrüsenkrebs, Gebärmutter-, Scheiden-, Haut- und Prostatakrebs, Tumoren der Analregion, Stimmband- und Mundhöhlenkrebs im Frühstadium sowie kleinen Lungentumoren der Fall ist. Dann spricht man von einer kurativen Strahlentherapie.

Ähnlich funktioniert die sogenannte adjuvante (unterstützende) oder additive (zusätzliche) Strahlentherapie, deren Ziel es ist, den Erfolg anderer Behandlungsmethoden zu verstärken, also etwa nach einer operativen Tumorbeseitigung vereinzelt verbliebene Krebszellen zu vernichten oder ein Krebsgeschwür in Verbindung mit einer Chemotherapie zum Verschwinden zu bringen. So machen etwa bei einigen Tumorarten (z.B. Gebärmutterhals-, Enddarmkrebs) bestimmte Zytostatika das Tumorgewebe strahlenempfindlicher.

Ist eine vollständige Ausheilung aufgrund eines zu weit fortgeschrittenen Tumorstadiums nicht möglich, kommt die palliative oder symptomatische Strahlentherapie zum Einsatz – um tumorbedingte Symptome (z.B. Schmerzen) zu lindern sowie zur Lebensverlängerung beizutragen.

Eine Strahlentherapie kann aber auch Anwendung finden bei gutartigen Erkrankungen, beispielsweise niedrig dosierte Röntgen-Bestrahlungen zur Behandlung von chronischen, anders nicht zu beherrschenden Schmerzen.

Gefürchtet: Nebenwirkungen

Ebenso wie die heilsamen Effekte bleiben auch die unerwünschten Nebenwirkungen einer Strahlentherapie in der Regel weitgehend auf die jeweils bestrahlte Körperregion begrenzt. Die Natur der belastenden Begleiterscheinungen hängt dabei vor allem von der Strahlendosis und bestrahlten Körperregion, aber auch von der Schwere der Erkrankung und vom Allgemeinzustand des Bestrahlten ab. Grundsätzlich gilt: Je kleiner die Einzeldosis, desto geringer die Nebenwirkungen und Spätschäden.

Bereits während der Strahlentherapiesitzung kann es zu Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, im Bereich der Strahlungsfelder zu sonnenbrandähnlichen Hautrötungen, bei Bestrahlung in der Kopfgegend zu Schleimhautentzündungen im Mund, Schluckbeschwerden und Haarausfall, bei Bestrahlung der Bauch- oder Beckenregion zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfällen oder Harnwegsreizungen kommen. All diese akuten Nebenwirkungen bilden sich im Normalfall nach Beendigung der Strahlentherapie komplett zurück. Ein Teil von ihnen lässt sich zudem lindern, z.B. Hautreaktionen mittels täglichen Eincremens oder Schleimhautirritationen im Mund-Rachen-Bereich durch Gurgeln mit einem speziellen Mundwasser oder Salbeitee.

Es gibt aber auch erst Monate bis Jahre nach der Therapie auftretende, oft nicht mehr rückgängig zu machende Spätfolgen wie Hautverhärtungen und -verfärbungen, vernarbende Gewebsschrumpfungen, eine Keimzellenschädigung mit nachfolgender Unfruchtbarkeit, Schilddrüsenunterfunktion,  Mundtrockenheit oder Speiseröhrenverengungen mit Schluckstörungen nach Bestrahlung der Halsregion, kognitive Beeinträchtigungen bei Bestrahlung des Gehirns, Darmfunktionsstörungen nach Bestrahlung im Bauchbereich oder Lungenfunktionsstörungen nach Bestrahlung des Brustkorbs.
Diese chronischen Nebenwirkungen fallen, da sie jahrzehntelang anhalten können, besonders bei Kindern und Jugendlichen ins Gewicht. Wird deren Gehirn bestrahlt, können auch
Wachstumsstörungen (Kleinwuchs) sowie ein Ausbleiben oder vorzeitiger Stopp der Pubertät auftreten.

 

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