Schock: was tun, bis die Rettung kommt?

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Verletzungen, Vergiftungen und andere Erkrankungen können in ein bedrohliches Missverhältnis zwischen erforderlicher und tatsächlicher Blutversorgung, genannt Schock, münden. Dann ist rasches und richtiges Handeln vonnöten. Darum sollte man wissen (und anwenden!), was bei einem Schock zu tun ist, bis professionelle Hilfe eintrifft.

Der Begriff “Schock“ wird umgangssprachlich oft für – seelische oder auch körperliche – Reaktionen auf einen psychischen Ausnahmezustand gebraucht. Im medizinischen Sinne aber ist ein Schock ein lebensbedrohlicher Zustand, hervorgerufen durch eine Unterversorgung diverser Gewebe mit Blut und damit Sauerstoff (Hypoxie) bzw. ein Missverhältnis zwischen Sauerstoffangebot und Sauerstoffbedarf. Durch diese Hypoxie kommt es zur Anreicherung von Stoffwechselprodukten (z.B. Laktat) in Organen wie der Lunge, den Nieren und dem Darm. In der Folge droht ein Multiorganversagen. Darum tut schnelle Hilfe not, entwickelt sich ein Schock.

Wodurch ein bedrohlicher Sauerstoffmangel entsteht

Dass der Sauerstoff im Blut nicht (ausreichend) zu den Organen gelangt, hat seine Ursache entweder in einem tatsächlichen oder relativen Blutverlust – etwa, wenn der kostbare Lebenssaft nur eingeschränkt zirkulieren kann, weshalb der Sauerstoff nicht regelrecht verteilt wird (distributiver Schock) bzw. das Gewebe trotz ausreichenden Blutvolumens und Sauerstoffangebotes aufgrund einer Verwertungsstörung nicht imstande ist, den Sauerstoff zu nutzen. Demzufolge unterscheidet man Schockformen wie:

Hypovolämischer Schock:

Es fehlt an Blutvolumen durch

  • eine Blutung (hämorrhagischer Schock) infolge einer Gefäßverletzung (traumatisch-hämorrhagischer Schock; z.B. Aneurysma-Ruptur), Operation, Erkrankung des Magen-Darmtrakts (z.B. blutendes Magengeschwür), eines Knochenbruchs, Milzrisses etc.
  • den Verlust von Wasser und Elektrolyten etwa bei ausgeprägtem Erbrechen oder Durchfall.
  • den Austritt von Blutplasma nach außen wie z.B. bei heftigen Verbrennungen (= traumatisch-hypovolämischer Schock) oder nach innen wie z.B. bei einem Darmverschluss.

Kardiogener Schock:

Trotz ausreichenden Blutvolumens ist das Herz nicht imstande, das benötigte Herzzeitvolumen (pro Zeiteinheit ausgeworfene Blutmenge) aufrechtzuerhalten (Pumpversagen). Das kann der Fall sein bei

  • Herzmuskelerkrankungen (Herzmuskelentzündung, Kardiomyopathie)
  • einem Herzinfarkt, einer Herzverletzung oder Lungenembolie
  • Herzklappenerkrankungen oder Herzrhythmusstörungen (ventrikuläre Tachykardien)
  • einer Füllungsbehinderung des Herzens z.B. im Rahmen einer Perikardtamponade (Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel) oder eines Spannungspneumothorax (Kollaps eines Lungenflügels durch Eindringen von Luft zwischen Rippen- und Lungenfell, die nicht entweichen kann, Organe im Brustkorb komprimiert und das Herz zur Gegenseite drängt)
  • der Gabe kardiotoxischer/–suppressiver Arzneien (z.B. Zytostatika, trizykl. Antidepressiva)

Septischer Schock:

Er entwickelt sich im Rahmen einer Sepsis (Septikämie, “Blutvergiftung“), wenn Keime (meist Bakterien) bzw. deren schädliche Produkte (Toxine) ins Blut gelangen und zu einer ungehemmten Freisetzung von Entzündungs- und Gerinnungsfaktoren etc. führen. Ähnliche Prozesse laufen beim SIRS (Systemic Inflammatory Response Syndrome) ab, das nach einem schweren Trauma oder bei nicht infektiös bedingter anhaltender Gewebshypoxie entsteht.

Anaphylaktischer Schock:

Er bildet die schwerste Form einer allergischen Reaktion vom Soforttyp und entsteht durch eine Flüssigkeitsumverteilung im Organismus. Auslöser sind vor allem Arzneien (z.B. Penicillin), Insektengifte (z.B. Bienen-, Wespengift) und Nahrungsmittel (z.B. Meeresfrüchte).

Spezielle Formen von Schock:

Klinisch zeigen sich weitere Schockarten, die ebenfalls nach ihrer Ursache eingeteilt werden, teilweise aber nicht ganz die Kriterien erfüllen, die einen Schock ausmachen, d.h. nicht alle sind mit einer generalisierten Hypoxie verbunden. Dazu gehören etwa

  • der neurogene und der spinale Schock: Ersterer entsteht durch den Schwund von (am Blutkreislauf beteiligten) Nervenfunktionen (Versagen der Regulation des Gefäßtonus, Folge: Weitstellung der Gefäße, Kreislaufversagen), Letzterer durch den Ausfall von Rückenmarksfunktionen (Ursachen: z.B. Traumata, Intoxikationen).
  • der endokrine Schock: Ursache ist ein Hormonmangel (z.B. Morbus Addison: Nebennierenrindenunterfunktion) oder –überschuss (z.B. entgleiste Schilddrüsenüberfunktion)
  • der Zuckerschock: eine schwere Unterversorgung (Hypoglykämie) mit Glukose führt beim Diabetiker zum hypoglykämischen Schock. Ebenso kann aber ein zu hoher Blutzucker (Hyperglykämie) infolge einer schlechten Diabeteseinstellung in einen Schock münden (hyperglykämischer Schock).
  • das toxische Schocksyndrom (TSS, “Tamponkrankheit“): meist infolge der Verwendung hoch saugfähiger Tampons entstehende bakterielle (best. Staphylokokkus aureus-Stämme) Toxine regen Lymphozyten (weiße Blutzellen) zur Produktion schockauslösender Zytokine an.

Einen Schock erkennen

Kommt es zu einer relevanten Sauerstoffunterversorgung von Organen, trifft der Organismus gegenregulatorische Maßnahmen, d.h. er schüttet z.B. infolge einer Aktivierung des Sympathikus Katecholamine (z.B. Adrenalin) aus. Ihr Zweck: solange wie möglich einen mit dem Leben vereinbaren Blutkreislauf und damit primär die Durchblutung lebenswichtiger Organe wie Herz und Hirn aufrechtzuerhalten. Vorboten, dass der Kreislauf zu dekompensieren (entgleisen) droht, sind eine feucht-kühle und blasse Haut, kalter Schweiß, ein Frieren und Zittern, eine Tachypnoe (hochfrequente Atmung) und Verhaltensauffälligkeiten (Angst, Unruhe, Verwirrtheit, unklare Äußerungen).

Zeichen der Dekompensation sind Symptome wie vor allem ein Blutdruckabfall und eine Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), aber auch eine Zyanose (bläuliche Haut) aufgrund der Hypoxie, ein Durstgefühl und eine Oligurie (verminderte Harnmenge) aufgrund des Blutvolumendefizits. Fällt schließlich der systolische Blutdruck unter 60 mmHg, ist der Puls kaum noch tastbar und die Atmung schnell und flach, wird die Harnproduktion eingestellt und treten Bewusstseinsstörungen (Teilnahmslosigkeit, Bewusstlosigkeit) auf, wird der Schock irreversibel. Eine Hilfe zur Beurteilung der Kreislaufsituation und – beim hämorrhagischen Schock – Abschätzung des Blutverlusts ist der Schockindex, der sich mittels Quotient aus Pulsfrequenz und systolischem Blutdruck errechnen lässt. Für einen Schockzustand spricht ein Index von ≥ 1,5 (entspricht einem  Blutverlust von ca. 35%).

Beim anaphylaktischen Shock gestaltet sich das anfängliche Szenario etwas anders: Innerhalb von Sekunden bis 20 Minuten nach Kontakt mit dem Allergen treten Hauterscheinungen auf – Ausschläge, Quaddeln, Juckreiz. Das Gesicht rötet sich (Flush). Die Lider können anschwellen. Bleibt das Geschehen auf diese Symptome beschränkt, besteht keine Lebensgefahr. Doch der Zustand kann sich rasch ändern, Beschwerden wie Herzrasen, Übelkeit, Erbrechen, Schluckbeschwerden oder ein Bronchospasmus (Verkrampfung der Bronchien) und dadurch Atemnot hinzutreten. Kommt es auch zu einer massiven Gefäßerweiterung, führt das zum Blutdruckabfall, außerdem zu einer gesteigerten Gefäßpermeabilität mit Flüssigkeitsaustritt ins Gewebe und damit zur Kreislaufdekompensation mit oben beschriebenen Folgen.

Weitgestellte Gefäße sind ebenso für einen neurogenen Schock typisch, außerdem durch Ausfall des Sympathikus eine beeinträchtigte bis fehlende Schweißproduktion und Wärmeregulation. Lähmungen können auftreten und ein unwillkürlicher Harn- oder Stuhlabgang.

Als für das toxische Schocksyndrom kennzeichnend gelten in erster Linie drei Symptome – eine Hypotonie, Temperatur über 39°C und ein scharlachartiger Hautausschlag v.a. an den Handflächen und Fußsohlen mit späterer Abschuppung und eventuellem Verlust der Haare und Nägel.

Erste Hilfe beim Schock

Um das Fortschreiten eines Schockzustandes zu vermeiden, was unbedingt und rasch erforderlich ist, sind folgende Maßnahmen durchzuführen:

  • wiederholt die Bewusstseinslage und Vitalfunktionen (Atmung, Kreislauf) prüfen und falls nötig (Bewusstlosigkeit, Herz-, Atemstillstand) den Geschockten in stabile Seitenlage bringen bzw. reanimieren (Atemspende, Herzdruckmassage)
  • so möglich, die Schockursache beseitigen (z.B. erkennbare Blutungen stillen, Allergieauslöser beseitigen, Tampon entfernen)
  • eine Schocklagerung (flache Rückenlage, Beine bis max. 50 cm erhöht) vornehmen, aber NICHT bei Bewusstlosigkeit, Kopf-, Bauch- oder Brustverletzungen, Knochenbrüchen, Atemnot oder Unterkühlung
  • enge Kleidung lockern, den Geschockten vor Unterkühlung schützen (Decke) und beruhigen
  • beim anaphylaktischen Schock den Verunfallten fragen, ob er ein Notfallset mitführt und dieses anwenden
  • die Rettung rufen (Tel.: 144)