Mobbing: wenn Psychoterror krank macht

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Konflikte gehören zum Arbeitsalltag. Bleiben sie aber ungelöst, bilden sie den Nährboden für Feindseligkeiten, die vor allem wenig wehrhafte Mitarbeiter zu spüren bekommen. Sie werden zu Mobbingopfern, die oft so lange auf unterschiedliche und perfide Weise von Kollegen und/oder Vorgesetzten schikaniert werden, bis sie sich in einem psychischen Ausnahmezustand befinden, krank werden und schließlich kündigen. Das Schlimme daran: Mobbing kann jedem widerfahren und hat Langzeitfolgen. Dem unseligen Treiben ist nur schwer beizukommen.

Der berühmte Mediziner und Zoologe Prof. Dr. Konrad Lorenz verwendete in den 1960er-Jahren erstmals den Begriff Mobbing (engl.: to mob = anpöbeln, schikanieren) und verstand darunter Gruppenangriffe gegen einen überlegenen Feind. Der schwedische Arzt Dr. Peter-Paul Heinemann wandelte diese Definition um zu Gruppenangriffe auf eine von der Norm abweichende Person. Heute bezeichnet Mobbing gezielte und fortgesetzte Anfeindungen, Schikanen und Diskriminierungen gegenüber einer Person sowie deren Ausgrenzung am Arbeitsplatz, in der Schule oder auch im Internet (Cybermobbing). Solcherart destruktive Handlungen und persönliche Angriffe beeinträchtigen nachhaltig und langfristig die seelische, häufig auch die körperliche Gesundheit des Mobbingopfers. Das endet oftmals in massiven Selbstwertproblemen, schweren Depressionen und Angstzuständen, in Somatisierungsstörungen (körperliche Beschwerden) und Suchtverhalten. Mobbing hat aber auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen.

Motive und Ursachen

Die Ursachen von Mobbing wurzeln in persönlichen (zu geringe Wehrhaftigkeit) als auch betrieblichen (unklare Strukturen) und gesellschaftlichen (Arbeitsunsicherheit) Gegebenheiten. Mobbing kann zwar grundsätzlich jeden treffen, wird aber bevorzugt begangen an Menschen mit zu geringem Selbstbewusstsein, mangelhafter Sozialkompetenz, sozialer Benachteiligung (z.B. Alleinerzieher) und einer Tendenz, sich leicht angegriffen oder gekränkt zu fühlen. Es zeigt sich, dass Frauen, Auszubildende und ältere Beschäftigte eher zu Mobbingopfern werden als andere Arbeitnehmer. Zudem ist Mobbing in bestimmten Berufsgruppen wie etwa im Gesundheits- und Erziehungsbereich, öffentlichen Dienst oder Bankwesen häufiger anzutreffen als in anderen.

Die Täter, sprich Mobber handeln aus Neid, Eifersucht, Rache, Angst (z.B. vor Status- oder Arbeitsplatzverlust), übertriebenem Ehrgeiz oder Abneigung gegen das Mobbingopfer, benutzen es zur Ableitung von Frust oder grenzen es wegen seiner “Andersartigkeit“ aus. Als Mobbing fördernde Faktoren spielen aber auch bestimmte Umstände im Unternehmen mit. Etwa ein inkompetentes Führungsverhalten, hoher Leistungs- oder Konkurrenzdruck, unzureichendes Fehlermanagement, eine vernachlässigte Personalpflege und –entwicklung, fehlende Konflikt-Kultur, mangelhafte Abgrenzung von Zuständigkeiten oder Aufgaben, hohe Verantwortungslast bei geringem Handlungsspielraum, schlechte Arbeitsbedingungen, zu wenig Anerkennung von Tätigkeiten, starre Hierarchien oder stattfindende Umstrukturierungen. Manche Firmen setzen Mobbing auch gezielt dazu ein, Personal abzubauen. Mobbingopfer können als Symptomträger einer kranken Organisation fungieren, der Mobbingprozess eine stabilisierende Funktion für eine Arbeitsgruppe oder Organisation haben.

Entwicklung von Mobbing

Missverständnisse, Streitereien, Spannungen und Konflikte gehören zum Arbeitsalltag und können sich, sofern sie konstruktiv gelöst werden, sogar positiv auf die Arbeit auswirken. Zu Anfang eines Mobbingprozesses findet sich aber ein ungelöster Konflikt, der als belanglos eingeschätzt und deshalb nicht beachtet wird, der aber weiter schwelt und bei dem der ursprüngliche Auslöser persönlichen Auseinandersetzungen weicht, sodass der Konflikt allmählich (daher ist der Mobbingbeginn oft nicht erinnerlich), d.h. phasenweise eskaliert:

Phase 1:  Erste Feindseligkeiten entwickeln sich. Auf einmal verrichtet jemand angeblich seine Arbeit schlecht oder ist nicht teamfähig. Wehrt er sich, bringt ihn das noch mehr in die Bredouille. Es entsteht eine klare Täter-Opfer-Beziehung.

Phase 2:  Die Anfeindungen durch Kollegen und/oder Vorgesetzte wachsen sich zu monatelangen systematischen Schikanen (z.B. gezielte Unfreundlichkeiten, Unhöflichkeiten, Einschüchterungen) bzw. Diskriminierungen aus. Diese haben zum Ziel, das berufliche und soziale Ansehen des Mobbingopfers zu schädigen (z.B. durch abwertende Blicken und Gesten, fortwährendes Kritisieren oder sich lustig machen über ihn, Nachahmung seines Gangs, seiner Gesten oder Stimme, Verleumdungen, Verbreitung von Gerüchten, üble Nachrede), seine Mitteilungs- und Kontaktmöglichkeiten einzuschränken (z.B. durch dauerndes Unterbrechen oder Ignorieren der Person, ihren Ausschluss aus den Informations- und Kommunikationsprozessen der Arbeitsgruppen oder ihre Versetzung in ein abgelegenes Büro und damit Isolierung) und seine Arbeitsbedingungen zu verschlechtern. Bis hin zu Telefonterror, mündlichen oder schriftlichen Drohungen, der Zerstörung persönlicher Gegenstände oder gar körperlichen Misshandlungen oder sexuellen Übergriffen. Für ihre Aktionen rekrutieren die Mobber Verbündete und solidarisieren sich gegen den Gemobbten. Mobbende Vorgesetzte wiederum entziehen dem Mobbingopfer Aufgaben oder Zuständigkeiten, werten seine Leistungen ab, stellen ihm bewusst zu viele oder zu wenige, deutlich über- oder unterfordernde oder gar sinnlose Aufgaben. Mit dem Ziel, ihn psychisch zu destabilisieren und ihn – ohne rechtliche Grundlage – dazu zu bringen, von selbst zu kündigen.

Phase 3:  Das Mobbingopfer steht permanent unter enormem Stress, fühlt sich unter ständiger Beobachtung (bis hin zum Verfolgungswahn) und fängt deshalb an, Fehler zu machen. Die werden zum Anlass für Schuldzuweisungen und Abmahnungen genommen. Versetzung und Kündigung drohen.

Phase 4:  Die Ausgrenzung war erfolgreich. Es folgt die Beendigung des Arbeitsverhältnisses, wobei in vielen Fällen das Mobbingopfer selbst aufgrund der unerträglichen Arbeitssituation das Unternehmen verlässt. Wenn nicht, erhält es – meist unter einem Vorwand – die (rechtswidrige) Kündigung von Seiten des Unternehmens. Manchmal “elegant“ eingefädelt, d.h. als Fürsorge getarntes Drängen zu einer fachärztlichen Behandlung von psychischen Krankheiten, die dem Gemobbten unterstellt werden. Mit dem Ziel, ihn aus dem Arbeitsverhältnis zu bringen.

Mobbing: Folgen

Die ewigen Schikanen durch Kollegen und/oder Vorgesetzte bzw. diesen wehrlos ausgeliefert und in die Außenseiterrolle gedrängt zu sein verursacht in der Regel bei Mobbingopfern eine arge Verunsicherung, Nervosität, Niedergeschlagenheit, Demotivation (“innere Kündigung“), Antriebslosigkeit, Erschöpfungszustände, Konzentrationsstörungen, Leistungseinbußen, Ohnmachtsgefühle, zwanghaftes Verhalten, Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Misstrauen oder Aggressionen, sowie einen sozialen Rückzug, was ihre Außenseiterposition noch verstärkt. Dauerstress und chronische Angstzustände können in ein posttraumatisches Belastungssyndrom (Reaktion auf außergewöhnlich bedrohliche Ereignisse wie z.B. Krieg, die das Selbstverständnis und die Weltsicht erschüttern) münden. Oft stellen sich Depressionen bis hin zu Suizidgedanken ein und/oder entwickeln sich Süchte (z.B. Arzneimittel- oder Alkoholabhängigkeit).

Häufig gesellen sich als Reaktion auf den immensen Stress körperliche Symptome hinzu wie Schlafstörungen, Schweißausbrüche, Tinnitus (Ohrensausen), Kopf-, Magen-, Rücken- oder Nackenschmerzen, Kreislaufprobleme, Herzklopfen oder Atemnot. Bis hin zur Entwicklung ernsthafter Erkrankungen und nachfolgender Fehlzeiten (Krankenstände) oder gar Arbeitsunfähigkeit und Frühverentung. Die gesundheitlichen Folgen von Mobbing gewinnen an Brisanz, je länger es dauert. Viele Mobbingopfer erkennen ihre schlimme Situation am Arbeitsplatz aber erst beim Eintreten massiver Beeinträchtigungen wie morgendliches Erbrechen, Weinkrämpfe und Nervenzusammenbrüche. Und: Mobbing schlägt auch dann noch auf die Gesundheit, wenn es vorbei ist. Das zeigt eine amerikanische Studie, die Auswirkungen von Psychoterror in der Kindheit durch Gleichaltrige in der Schule untersucht hat und zu dem Schluss gelangt ist, dass kindliche Mobbingopfer auch noch als Erwachsene mit Folgeerscheinungen des Geschehens kämpfen wie schwere Krankheiten (6-fach erhöhtes Risiko), psychische Erkrankungen, reduzierte Sozialkontakte und das Unvermögen, lange in Jobs zu bleiben.

Mobbing hat aber auch betriebliche und gesellschaftliche Konsequenzen: Den Unternehmen droht dadurch in mehrfacher Weise Schaden. Denn es verschlechtern sich Qualität und Produktivität und damit die Finanzen. Letztere auch infolge von Fehlzeiten durch Krankschreibungen und erhöhte Fluktuation von Mitarbeitern (laut Schätzungen ca. 50.000 Euro pro Mobbing-Fall und Jahr). Und das Betriebsklima leidet, weil auch unbeteiligte Mitarbeiter Angst entwickeln, selbst gemobbt zu werden oder sich in Situationen für Opfer oder Täter entscheiden zu müssen. Der Gesellschaft wiederum erwachsen Kosten für Heilbehandlungen, Kuren, Frühverrentung und Arbeitslosigkeit.

Schwierig: raus aus der Mobbingfalle

Experten meinen, es sei wichtig, sich so früh wie möglich gegen Mobbing-Attacken zu wehren und eine Aussprache mit dem Mobber/den Mobbern inklusive Kompromissbereitschaft, Ursachenforschung und der Präsentation von Lösungsvorschlägen herbeizuführen, um Konflikte noch rechtzeitig beizulegen. Hierzu braucht es jedoch Verbündete, Gleichgesinnte oder zumindest Ansprechpartner und da gerät das Vorhaben oft zum Spießrutenlauf, weil Mobbingopfer meist auf starre Fronten treffen. Bei den Kollegen und häufig auch bei den Chefs. Nicht selten nämlich sind Vorgesetzte in das unselige Treiben involviert, mobben selber (mit) oder greifen nicht ins Geschehen ein – beides Zeichen sozialer Inkompetenz. Die Einschaltung höherer Instanzen wiederum verläuft großteils deswegen erfolglos, weil sie auf Informationen vom direkten Vorgesetzten des Gemobbten zurückgreifen. Auch die Einleitung von rechtlichen Schritten gestaltet sich meist wenig erfolgversprechend, weil ein Nachweis von Mobbingaktionen (ratsam: schriftliche Aufzeichnungen darüber anfertigen) ohne aussagewillige Zeugen nur selten gelingt.

So bleibt in vielen Fällen nur, sich an entsprechende Beratungsstellen (z.B. Arbeiterkammer) zu wenden. Und die Eigenkompetenz zu stärken, etwa Stress durch Sport und Entspannungsmethoden abzubauen, sich Auszeiten (Urlaub, Kur) zu gönnen sowie Ausgleich durch aufbauende Freizeitaktivitäten und private Kontakte zu suchen. Das kann allerdings die Umgebung überfordern, denn viele Mobbingopfer werden von dem, was ihnen widerfährt, gedanklich so vereinnahmt, dass sie in obsessiver Manier ihre Problematik ununterbrochen ansprechen. Und dafür mehr oder minder direkte Schuldzuweisungen und wenig hilfreiche Ratschläge ernten, sodass sie sich immer mehr zurückziehen, bis hin zu Trennungen und Vereinsamung. Professionelle Hilfe, etwa in Form einer Psychotherapie, erscheint ratsam.

 

Weiterführende Links:
Die 45 häufigsten Mobbing-Handlungen
Test: Werde ich gemobbt?
Mobbing: was tun?
AK-Tipps für Mobbingopfer