Impfungen: pro & contra

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Schutzimpfungen gelten in der klassischen Schulmedizin neben Hygienemaßnahmen als probates Mittel, Infektionskrankheiten vorzubeugen. Ob Impfen aber wirklich (immer) sinnvoll und notwendig oder vielleicht doch überflüssig ist bzw. sogar eher schadet als nützt, darüber streiten Impfbefürworter und Impfgegner. Fazit der aktuellen Faktenlage: Es bleibt eine individuelle und eigenverantwortliche Entscheidung, ob man sich bzw. seine Kinder impfen lässt oder nicht.

Kaum ein Gesundheitsthema polarisiert so sehr wie die Frage, ob Impfungen mehr Nutzen oder Schaden bringen. Bevor aber die Argumente der Impfbefürworter und die der Impfgegner zu Wort kommen, schauen wir doch mal, was bei einer Infektion im Körper abläuft und wie Impfungen diese Vorgänge nutzen.

Infektionen: was dabei im Organismus geschieht

Dringt ein Krankheitserreger (z.B. Virus, Bakterium) in den Organismus ein, erkennt ihn das körpereigene Abwehrsystem als fremd und antwortet darauf mit einer Immunreaktion, um ihn zu bekämpfen. Dabei wird zunächst die sogenannte unspezifische Immunantwort aktiv, bei der der Keim – wie andere körperfremde Stoffe auch – von bestimmten Abwehrzellen (Makrophagen, Granulozyten) aufgenommen, zerlegt und den T-Lymphozyten (spezifische Abwehrzellen) präsentiert wird. Damit beginnt die spezifische Immunantwort, bei der sich die Abwehr gezielt gegen den jeweiligen Erreger richtet. Die im Rahmen der unspezifischen Immunantwort aktivierten T-Zellen animieren die B-Lymphozyten (ebenfalls spezifische Abwehrzellen) zur Produktion von Antikörpern (Immunglobuline), d.h. speziell gegen bestimmte Antigene (Oberflächenstrukturen von Erregern) gerichteten Abwehrsubstanzen. Diese erkennen den eingedrungenen Krankheitserreger, blockieren und markieren ihn, sodass er beseitigt werden kann. Im Regelfall schafft es die Kombination aus unspezifischer und spezifischer Immunantwort zumeist, Keime erfolgreich zu eliminieren. Doch manche Erreger schaffen es, das Immunsystem zu umgehen. Oder die Entwicklung der spezifischen Immunantwort dauert zu lange, sodass das Immunsystem die Viren oder Bakterien nicht unter Kontrolle bringt, was zu einer Erkrankung oder schlimmstenfalls zum Tod des Infizierten führt.

Während einer Immunreaktion geschieht aber noch etwas anderes: Hinsichtlich des jeweiligen Erregers entwickelt sich ein sogenanntes immunologisches Gedächtnis. Das bedeutet, ein Teil der aktivierten T- und B-Zellen wird zu Gedächtniszellen, die bei neuerlichem Kontakt des Organismus mit demselben Krankheitserreger diesen sofort erkennen und ihn – durch eine rasche und verstärkte Produktion spezifischer Antikörper – umgehend unschädlich machen.

Impfungen: wie Immunisierungen funktionieren

Bei einer aktiven Immunisierung (Vakzination) wird eine geringe Menge abgetöteter (Totimpfstoff) oder attenuierter, d.h. abgeschwächter (Lebendimpfstoff) und damit unschädlicher Erreger oder Erregerteile, die selbst keine ernsthafte Erkrankung hervorrufen können, in den Körper eingebracht. Das unterstützt die natürlichen Abwehrprozesse, indem die Impfung die Bildung von Gedächtniszellen und Antikörpern gegen diese Erreger anregt. Sie wirkt erst einige Tage bis Wochen nach ihrer Verabreichung, bietet dafür aber eine jahre- bis lebenslange Immunität gegen die Erreger. Zur Erreichung eines vollständigen Impfschutzs braucht es eine sogenannte Grundimmunisierung (Basisimpfung), die – abhängig vom verabreichten Impfstoff (Vakzin) – mehrere Teilimpfungen in bestimmten Zeitabständen umfasst. Damit er erhalten bleibt, sind bei Impfstoffen, die keine lebenslang anhaltende Immunität (z.B. Diphtherie, Keuchhusten, FSME, Kinderlähmung, Tetanus) gewährleisten, in regelmäßigen Intervallen Auffrischungsimpfungen notwendig. Bei einem eventuellen Kontakt mit dem Erreger, vor dem die Vakzination schützt, ist das Immunsystem dann schon gewappnet, erkennt den potenziellen Übeltäter gleich und produziert sofort Antikörper gegen ihn, bevor er noch dazu kommt, die Erkrankung auszulösen.

Eine passive Immunisierung hingegen kommt nur als Notfallmaßnahme zum Einsatz, wenn ein sofortiger Impfschutz (Wirkungseintritt: prompt oder innerhalb weniger Stunden) erforderlich (z.B. bei Abwehrschwäche, Kontakt mit einem gefährlichen Krankheitserreger wie z.B. Tollwut, kurzfristigem Reiseantritt) ist. Dabei werden fertige und gereinigte spezifische Antikörper – meist menschlichen (gewonnen aus dem Blutserum von Menschen, die die Erkrankung bereits durchgemacht und Antikörper gebildet haben), selten auch tierischen Ursprungs – gegen einen bestimmten Erreger injiziert. Sie gewährt aber nur einen Infektionsschutz von einigen Wochen, da die Antikörper im Organismus abgebaut werden. Das körpereigene Immunsystem bleibt an dem Prozess unbeteiligt. Übrigens: Eine natürliche passive Immunisierung erleben Ungeborene, indem ihre Mütter ihre Immunität gegen Krankheitserreger mittels Antikörper durch die Plazenta auf die Leibesfrucht übertragen.

In bestimmten Fällen, die sowohl einen sofortigen als auch einen langfristigen Impfschutz erfordern (z.B. Tetanus- oder Tollwutexposition), erfolgt eine Kombination aus aktiver und passiver Immunisierung, genannt Simultanimpfung.

Impfungen: welche, wie, wo?

Welche Impfungen Präventivmediziner als sinnvoll ansehen, hängt von der jeweiligen Gegend ab. Hierzulande erstellt der Oberste Sanitätsrat jedes Jahr aktualisierte Impfempfehlungen, nachzulesen im Österreichischen Impfplan. Wer ins Ausland reist, ist gut beraten, sich rechtzeitig über fürs jeweilige Reiseziel empfohlene bzw. verpflichtend vorgeschriebene Impfungen zu informieren und sie durchführen zu lassen (”Reiseimpfungen”). Anlaufstellen für Impfungen sind im Wesentlichen Allgemein- und Reisemediziner, Kinderärzte und bestimmte Ambulatorien.

Als häufigste Verabreichungsform von Impfungen dient die intramuskuläre (in einen Muskel) Injektion, wofür sich am besten der Deltamuskel am Oberarm, bei Babys der Oberschenkel eignet. Die immer noch gängige Praxis, Impfstoffe in den Gesäßmuskel zu injizieren, birgt die Gefahr von Komplikationen und kann die Wirkung schmälern. Selten werden Impfstoffe subkutan (unter die Haut) oder intradermal (in die Haut) gespritzt. Bei dieser Art von Applikation besteht bei unsterilem Arbeiten eine Infektionsgefahr durch verunreinigte Nadeln. Bei Schluckimpfungen nimmt der Organismus den Impfstoff über die Schleimhaut im Magen-Darm-Trakt auf. Eine neue Entwicklung sind Spray-Impfungen (Nasenspray; nasale Immunisierung), bei denen der Impfstoff schnell, schonend und gefahrlos über die Atemwege in den Körper gelangt.

Impfbefürworter: Nutzen überwiegt Risiko

Sie sehen Impfungen als bestmöglichen Schutz vor einer Ansteckung mit gefährlichen Krankheiten – sowohl für die Geimpften als auch ihre Umgebung. Somit verhüten Impfungen Epidemien oder grenzen sie zumindest ein bzw. verhindern durch Infektionen bedingte Todesfälle. Im Idealfall können sie Krankheiten vollkommen ausrotten. Denn Ziel einer jeden Schutzimpfung ist es, die Verbreitung einer bestimmten Infektionskrankheit zu stoppen oder wenigstens zu bremsen. Sofern genügend Menschen Träger von Antikörpern gegen diese Erkrankungen sind, d.h. diese bereits durchgemacht haben oder gegen sie geimpft sind, profitieren davon auch nicht Geimpfte, weil sie dann in den Genuss eines Kollektivschutzes (Populationsschutz) kommen, den Fachleute Herdenimmunität nennen.

Und das bei überschaubarem Risiko, denn Impfstoffe gelten als sichere Arzneimittel, die nur selten schwere Nebenwirkungen veursachen sollen. Militantere Vertreter der Impflobby betrachten Impfen sogar als Kinderrecht und seine Unterlassung als grobe, die Umgebung gefährdende Fahrlässigkeit.

Impfgegner: hohes Risiko bei fraglichem Nutzen

Hohe Impfraten sollen also imstande sein, manche Erreger in bestimmten Regionen oder sogar weltweit auszurotten. Klingt gut. Dennoch macht sich in in Ländern wie Österreich, wo keine Impfpflicht besteht, zunehmend eine Impfmüdigkeit breit. Die Gründe für die abnehmende Impfbereitschaft sind vielfältig, die Zahl der Impfkritiker recht hoch. Nicht ganz zu unrecht.

Denn Impfstoffe werden zwar vor ihrer Zulassung in aufwändigen Studien auf Effektivität und Verträglichkeit getestet und auch nach ihrer Zulassung immer wieder hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Komplikationsraten überprüft. Jedoch sind ihre Langzeitfolgen oft nicht ausreichend untersucht sind und sie können sehr wohl schwere Nebenwirkungen verursachen. Neben einer Impfreaktion (z.B. harmlose passagäre Rötung und Schwellung an der Einstichstelle) oder Impfkrankheit (leichte Form der Infektionskrankheit, gegen die sich die Impfung richtet) kann es nämlich, wenn auch eher selten zu vorübergehenden Impfkomplikationen (z.B. Lymphknotenabszesse nach Tuberkulose-Impfung) oder – noch seltener – solchen mit bleibendem Schaden (z.B. Impfpoliomyelitis nach Kinderlähmungsschluckimpfung) kommen.

Impfgegner sparen auch nicht mit Kritik an Impfstudien, die ihrer Ansicht nach

  • im Wesentlichen nur von Impfstoffherstellern durchgeführt werden. Gibt es, was selten sein soll, doch unabhängige, kommen diese anscheinend immer zu anderen Ergebnissen.
  • nur Impfstoffe mit anderen Impfstoffen, aber nicht mit Placebos vergleichen.
  • fallen sie negativ aus, nicht veröffentlicht werden, wenn sie von der Pharmaindustrie finanziert werden.
  • ein Betriebsgeheimnis der Hersteller bleiben, wenn es sich um Zulassungsstudien handelt.

Zudem zweifeln die Impfskeptiker an den Wirksamkeitsbeweisen für Impfungen, die weitgehend auf der Antikörperbildung, die (zu Unrecht?) mit Infektionsschutz gleichgesetzt wird, sowie Statistiken beruhen. Sie argumentieren, dass Kinderkrankheiten für gesunde Kinder zwar vielleicht unangenehm, aber nicht gefährlich seien. Im Gegenteil: Das Durchmachen von Kinderkrankheiten in jungen Jahren soll angeblich vor schweren Erkrankungen im Erwachsenenalter schützen, ihre Unterdrückung durch Impfungen hingegen sogar eine Zunahme chronischer Erkrankungen bewirken. Jedenfalls wähnen Impfkritiker geimpfte Kinder nicht gesünder als ungeimpfte bzw. sehen ungeimpfte als gesünder an, wofür allerdings schlagende Beweise fehlen. Nicht zuletzt verdächtigen sie Hersteller, Verkäufer und Anwender von Impfungen einer Geschäftemacherei, die mit der Angst vor Krankheiten arbeitet. Manche möchten ihre Kinder auch nicht dem Trauma von Nadelstichen aussetzen.

Die Diskussion, ob Impfen ja oder nein bringt Patienten, Eltern und Ärzte jedenfalls gleichermaßen in die Zwickmühle, denn es gibt nur zwei Alternativen und beide heißen vertrauen: entweder auf Impfstoffe als “Versicherung“ gegen bestimmte, potenziell gefährliche Krankheiten oder auf das Immunsystem und eine kompetente Behandlung als “Gesundmacher“, wenn diese Krankheiten eintreten. Letztendlich bleibt für die Patienten nur, sich genau über Vor-und Nachteile von Impfungen zu informieren und danach eine persönliche Entscheidung für sich bzw. seine Kinder zu treffen. Ärzten wiederum sollten ausgiebig ihrer Beratungspflicht nachkommen und gemeinsam mit den Patienten eine individuelle, situationsangepasste und für alle kompatible Entscheidung treffen.

 

Weiterführende Links:
Österreichischer Impfplan 2016
Beratungs- und Impfstellen der Bundesländer
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