Haaranomalien: warum Haare sich verfärben, spalten oder kräuseln

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Haare gelten als Schönheitsmerkmal. Sie sind aber auch Ausdruck des Gesundheitszustandes. Und des Lebensstils. Denn schädliche Einflüsse lassen sie z.B. matt und glanzlos werden. Manche Haarveränderungen wie angeborene Anomalien oder das Grauwerden im Alter lassen sich kaum vermeiden. Andere wie z.B. eine vermehrte Brüchigkeit hingegen schon.

Variationen der Haarfarbe, -form oder -länge geschehen oft auf freiwilliger Basis. Das nennt man Frisur. Unbeabsichtigte Haarveränderungen hingegen können eine Begleiterscheinung anderer Erkrankungen, aber auch ein ererbter oder erworbener Zustand sein. Eine dieser Abweichungen von einer als Zeichen für Jugendlichkeit und Schönheit geltenden, vollen und farbechten Mähne lernen fast alle Menschen in fortgeschrittenem Alter kennen: die Canities, ein Grau- oder Weißwerden des natürlichen Kopfschmucks. Es gibt aber noch andere Farb- sowie Formabweichungen der Behaarung.

Farbanomalien

Nicht nur die Haut unterliegt Alterungsprozessen, sondern auch ihre Anhangsgebilde, wozu auch die Haare zählen. So versagen etwa die in der Haarmatrix sitzenden Melanozyten, die für die Produktion der Farbpigmente zuständig sind, mit zunehmendem Alter ihren Dienst und sterben allmählich ab. Daher erzeugen sie weniger Tyrosinase. Dieses Enzym sorgt für die Bildung von Eumelanin aus der Aminosäure Tyrosin bzw. bei blondem oder rötlichem Haar auch für die Synthese von Phaeomelanin aus Cystein. Fehlt es an Melanin, werden in einem Teil der Haare Luftbläschen anstatt des Pigments eingelagert und die Haare wirken deshalb grau (Canities, Leukotrichose), d.h. es existieren depigmentierte und noch pigmentierte Haare nebeneinander. Dieser Prozess beginnt in der Regel an den Schläfen oder am Bart und breitet sich dann schleichend auf die gesamte Kopfbehaarung, die Augenbrauen und schließlich auf alle Körperhaare aus. Fehlen die Melanozyten gänzlich, verlieren alle Haare ihren Farbstoff und erscheinen weiß (Achromotrichie).

Wann die Melaninproduktion nachlässt, ist genetisch festgelegt: Während manche Menschen schon mit Anfang 20 ein paar graue Haare aufweisen, besitzen einige 50-Jährige noch ihre ursprüngliche Haarfarbe. Geschieht das Grauwerden bereits vor dem 20. Lebensjahr, spricht man von einer Canities praecox (vorzeitiges Ergrauen). Dieser an und für sich physiologische Entfärbungsvorgang wird von äußeren Faktoren (Canities symptomatica) beeinflusst. So sollen etwa bestimmte Krankheiten (z.B. Krebsleiden, perniziöse Anämie, Schilddrüsenerkrankungen, akute fieberhafte Infekte etc.), Vitamin- und Mineralstoffmangelzustände, aber auch einige Arzneimittel (medikamentöses Ergrauen, z.B. beim Malariamittel Hydroxychloroquin), Kosmetika, Chemikalien, Fettleibigkeit und Rauchen zu einem vorzeitigen Ergrauen der Haare führen können. Bislang unbewiesen bleibt der weit verbreitete Glaube, Sorgen, Kummer oder Schockerlebnisse könnten ein plötzliches Grauwerden der Haare verursachen. Das berichtete Phänomen “graue Haare über Nacht“ dürfte vielmehr auf einer Alopecia areata (kreisrunder Haarausfall) beruhen, bei der im Anfangsstadium bei manchen Patienten zunächst die pigmentierten Haare ausfallen und die offenbar widerstandsfähigeren ergrauten Haare länger verbleiben, sodass sie vordergründig ins Auge fallen. Aufhalten oder gar umkehren lässt sich der Pigmentverlust jedenfalls kaum. Wen die grauen Haare stören, der kaschiert sie mittels Intensivtönung oder Coloration.

Eine (herdförmige) Weißverfärbung von Haaren (Poliosis, Poliosis circumscripta) ist nicht in jedem Fall auf Alterungsprozesse, sondern manchmal auf eine Pigmentstörung zurückzuführen, die für sich allein genommen keinen Krankheitswert besitzt, jedoch auch Ausdruck anderer (ernster) Erkrankungen sein kann. So tritt sie etwa als Begleiterscheinung des Albinismus, der Vitiligo, Tuberösen Sklerose, Neurofibromatose und im Rahmen mancher vererbbarer Missbildungssyndrome auf. Ebenso nach Traumen, Entzündungen, einem Herpes zoster oder Bestrahlungen der Haut. Therapie der Wahl ist – so möglich – die Behandlung der Grunderkrankung sowie bei Bedarf ein Färben der Haare.

Eine weitere Farbanomalie ist die sogenannte Haar-Heterochromie, ein Auftreten verschiedener Haarfarben bei ein- und derselben Person. Solche Farbunterschiede zwischen Kopf- und Schamhaar finden sich recht häufig. Die Färbung kann auch innerhalb der einzelnen Haare selbst variieren. Wechseln sich helle und dunkle (= Folge eines erhöhten Luftanteils im Markkanal) Zonen entlang des Haarschafts ab, spricht man von Pili anulati (Ringelhaare).

Formauffälligkeiten

Neigt das Haar verstärkt zu Brüchen, wird es glanzlos, ändert seine Farbe oder zeigt Auffälligkeiten in seiner Form wie z.B. eine Kräuselung (Ulotrichie), kann das auf eine Veränderung der Struktur des Haarschafts (“Haarschaftanomalien“) hinweisen. Oft ist sie die Folge äußerer schädlicher Einflüsse oder angeborener Erkrankungen (z.B. Stoffwechselleiden), was beim Hautarzt abgeklärt werden sollte. Von den vielen möglichen Haarschaftanomalien sind die meisten nur selten zu finden. Hier eine Auswahl:

So gibt es etwa die in autosomal dominantem Erbgang weitergegebene Aplasia pilorum intermittens (Monilethrix, Spindelhaare), die meist bereits im ersten Lebensjahr beginnt und als Anschwellungen und Einschnürungen der Haare entlang ihres Schafts in Abständen von 0,5-1 mm äußert, sodass die Haare abbrechen und der Kopf schließlich fast kahl und mit follikulären Hornkegeln bedeckt ist. Gelegentlich ist die Monilethrix mit Nagel- und Zahnanomalien vergesellschaftet. Eine andere Haarschaftveränderung sind die sogenannten Pili bifurcati (gegabelte Haare), bei denen der Schaft sich in unregelmäßigen Abständen gabelt, spaltet und wieder schließt, sodass eine Lücke in Längsrichtung entsteht.

Bei den Pili planati (platte Haare) sind die Haare an einer Seite abgeplattet, was sich als hellere und dunklere Stellen in den Haaren bemerkbar macht. Abgeflacht sind auch die Pili torti (Trichokinesis, Torsionshaare) und zwar bandartig, wobei sich die Haare zusätzlich in Abständen von 5 bis 12 Millimetern drehen (Torsion = Drehung). Torsionshaare kommen etwa beim Menkes-Syndrom (vererbte, tödlich verlaufende Kupferstoffwechselstörung bei Knaben) und Netherton-Syndrom (erblich bedingte Aminosäurestoffwechselstörung) vor. Bei letzterem findet man häufig auch eine Trichorrhexis invaginata (Bambushaare), bei der das Ineinanderstülpen des Haarschafts zu Knotenbildungen in den Haaren führt.

Die Trichonodose (Schlingenhaare) wiederum ist gekennzeichnet durch Verschlingungen (Schlingen und Doppelschlingen) an den Kopf- und Schamhaaren, die auf ein Zerren an den Haaren (z.B. bei Massagen) und Kratzen (z.B. bei juckenden Hautveränderungen) oder längere Aufenthalte in starkem Wind zurückzuführen ist und oft mit einer Haarbrüchigkeit einhergeht. Häufiges Zupfen an den Haaren kann auch – v.a. bei Kindern – eine Trichomalazie (erhöhte Weichheit der Haare) mit nachfolgenden unscharf begrenzten Stellen mit schütterem Haarwuchs verursachen. Ältere Menschen hingegen neigen eher zur Ausbildung von Pinselhaaren (Trichostasis spinulosa, Thysanothrix), d.h. dicht nebeneinanderliegenden, dünnen kolbenartigen Haaren, die vermutlich infolge einer unterbliebenen Abstoßung abgestorbener Haare entstehen.

Der häufigste – durch einen ungenügenden Zusammenhalt von Zellen bedingte – Haarschaftdefekt, der mit einer erhöhten Brüchigkeit (Trichoklasie) und Glanzlosigkeit der Haare einhergeht, ist jedoch die Trichorrhexis nodosa. Diese Spaltbildung der Haare (Trichoschisis, Trichoptilose) entsteht meist durch chemische (Tönen, Färben, Bleichen, Dauerwellen, aggressive Haarpflegeprodukte) oder physikalische (z.B. zu häufiges Waschen, zu intensives Kämmen und Bürsten, Toupieren, Gummibänder, übermäßige Hitzeeinwirkung z.B. durch Föhnen, Lockenstabgebrauch, Solariumbesuche oder Sonnenbäder) Einwirkungen, Mangelernährung, ein hormonelles Ungleichgewicht, psychischen Stress oder selten als angeborene Störung (z.B. Netherton-Syndrom, Argininbernsteinsäure-Krankheit). Je nach Ausprägung betrifft sie sowohl das Kopfhaar als auch die Wimpern, Augenbrauen, Bart- und Körperhaare. Typischerweise zeigen sich im Bereich der Haarschäfte entstandene, kleine weißliche bis hellgraue Knötchen, die aufgesplitterten, faserigen “Bruchstellen“ entsprechen, die aufeinandergesteckten Pinseln ähneln. Unter dem Mikroskop erscheinen diese Strukturen wie Bambusrohr, weshalb die Haaranomalie auch Bambushaar-Syndrom oder Haarknötchenkrankheit heißt. Sind viele Haarschäfte von der Trichorrhexis nodosa befallen, entsteht der Eindruck, als wäre das glanzlos, rau und brüchig oder auch stachelig wirkende Haar mit Schuppen, Schmutzpartikeln oder Nissen durchsetzt und die Haarsträhnen knotig verdickt oder pinselartig aufgesplittert. Unterbleibt eine Behandlung, stellt sich ein starker Haarbruch, manchmal auch teilweiser Haarausfall oder schütterer Haarwuchs ein.

Ob eine Änderung der Haarschaftstruktur besteht, klärt der Hautarzt mittels Trichogramm. Hierzu rupft er dem Patienten einige Haare aus, die zwei Wochen vor der Untersuchung keine Färbungen durchgemacht haben sollten und deren letzte Wäsche mindestens fünf Tage zurückliegen sollte. Dann begutachtet er die Haare unter dem Mikroskop, wo er das aktuelle Wachstumsverhalten der Haare, deren Haarschaft und die Haarwurzel beurteilen kann. Zeigen sich knotige oder spindelige Auftreibungen, Brüche, Stauchungen, Verdrehungen, Spaltungen, Verfilzungen, Ringelungen oder Blasenbildungen, liegt eine Haarschaftanomalie vor. Diesen lässt sich zumindest teilweise vorbeugen, etwa durch eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, ausgewogene Ernährung, die Verwendung haarschonender Pflegeprodukte und Vermeidung haarschädigender Einflüsse.

 

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