Gesundheitsbewusstsein: Heilen ist gut, gesund bleiben besser

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Gesundheit ist keineswegs nur Schicksal allein. Denn ob wir gesund bleiben und alt werden, hängt unter anderem sehr vom persönlichen Lebensstil ab. Genau hier hakt es hierzulande. Die größten “Sünden“ von Herrn und Frau Österreicher lauten nämlich: zu viel Essen, Nikotin und Alkohol, zu wenig Sport und Entspannung. Mittlerweile bahnt sich – dank steigenden Gesundheitsbewusstseins – jedoch eine Trendwende an und die Salutogenese gewinnt an Stellenwert.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als “einen Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens“. Gesundheit ist also mehr als nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen. Wobei sich des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu erfreuen ein Grundrecht jedes Menschen darstellt, ohne Unterschied der Rasse, Religion, politischen Überzeugung, wirtschaftlichen oder sozialen Stellung. Als Grundvoraussetzungen für Gesundheit sieht die WHO laut Jakarta-Erklärung 1997 Frieden, Unterkunft, Bildung, soziale Sicherheit, soziale Beziehungen, Nahrung, Einkommen, Handlungskompetenzen (Empowerment) von Frauen, ein stabiles Ökosystem, nachhaltige Nutzung von Ressourcen, soziale Gerechtigkeit, die Achtung der Menschenrechte und die Chancengleichheit. Ideale, von denen Millionen Menschen vielerorts nur träumen können. Denn oft genug hängen Bedingungen für ein gesundes Leben wie eine ausgewogene Ernährung oder gute medizinische Versorgung von ihrer Verfügbarkeit und Leistbarkeit ab. Vor allem aber ist – und das überall – Gesundheit kein einmal erreichter und dann unveränderlich bleibender Zustand, sondern bedarf ständiger Bemühungen, um nicht verloren zu gehen.

Langlebigkeit: was dazu beiträgt

Fast alle Menschen möchten lange leben und das möglichst gesund. Und tatsächlich werden sie vor allem in unseren Breiten von Generation zu Generation immer älter, was sicherlich unter anderem auf das mehr als ausreichende Nahrungsangebot, die probate medizinische Versorgung sowie guten hygienischen Bedingungen zurückzuführen ist. Nun gibt es aber einige Landstriche auf der Welt, wo sich anscheinend rüstige Hundertjährige häufen. Und hier zeigt sich, dass es nicht Überfluss oder Komfort ist, der Hochaltrigkeit garantiert. Denn die Methusalems haben meist hart gearbeitet in ihrem Leben, das eine oder andere Mal sogar gedarbt und waren durchaus nicht “verwöhnt“.

Da es auch hierzulande Menschen jenseits der 100 gibt, interessiert die Wissenschaft, wie sie das hohe Alter erreicht haben. Ergebnis: Die befragten betagten Frauen und Männer zeichnen sich größtenteils durch ein hohes Gesundheitsbewusstsein aus. So gaben sie etwa überwiegend an, niemals geraucht zu haben. Und die wenigen Raucher unter ihnen frönten nur sehr moderat dem blauen Dunst. Daraus lässt sich ableiten, dass Rauchverzicht wesentlich zur langfristigen Erhaltung der Gesundheit bzw. Langlebigkeit beiträgt. Mindestens aber erreichen Raucher seltener ein biblisches Alter als Nichtraucher. Eine komplette Alkoholkarenz hingegen scheint nicht denselben günstigen Einfluss auf die Anzahl der Lebensjahre zu haben. So konsumierten rund die Hälfte der Interviewten regelmäßig, d.h. wöchentlich oder gar täglich – in Maßen (!) – Alkohol.

Salutogenese: wie Gesundheit entsteht bzw. erhalten bleibt

Offensichtlich gibt es also Lebensstilfaktoren, die Gesundheit nahezu garantieren können. Die Wissenschaft spricht von Salutogenese (Gesundheitsentstehung, Gesundheitserzeugung, Gesunderhaltung; lat.: salus = Wohlbefinden, Gesundheit, genesis = Entstehung). Oder von Gesundheitsverhalten (“health behavior“), d.h. Verhaltensweisen (z.B. regelmäßig Sport, ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf, “safer sex“, Inanspruchnahme von Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen), die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Krankheiten ausbleiben bzw. die Gesundheit weiterhin besteht.

Es gestaltet sich jedoch recht schwierig zu belegen, welche Verhaltensweisen in welchem Ausmaß und in welcher Dauer die Gesundheit nachweislich (geringere Krankheits- und Sterblichkeitsraten) erhalten. Auch deshalb, weil gesund zu bleiben die Fähigkeit erfordert, schwierige bis krisenhafte Lebensumstände ohne gravierende Einbußen an leiblichem und seelisch-geistigem Wohlbefinden zu meistern (Resilienz, Widerstandsfähigkeit; lat. resilire = zurückspringen ‚abprallen). Und die hängt von zur Verfügung stehenden persönlichen Ressourcen (z.B. Intelligenz, gute Bildung, materieller Wohlstand, soziales Netzwerk), vor allem aber individuellen Anpassungsfähigkeiten (z.B. Flexibilität, Weitsicht, positive Selbstbeurteilung) an veränderte Gegebenheiten (Coping; engl.: to cope = bewältigen) ab. Als Kern einer gelungenen Salutogenese kann man das sogenannte Kohärenzgefühl verstehen, ein im Wesentlichen auf Lebenserfahrungen basierendes Zugehörigkeitsgefühl und eine tiefe innere Zufriedenheit mit sich selbst und anderen. Umso stärker es sich ausprägt, umso situationsadäquater fallen die Reaktionen auf Krisen (z.B. stressige Phasen im Job, Krankheiten, Todesfälle u.a.m.) aus – auch im Hinblick auf die Wiedererlangung oder Erhaltung der eigenen Gesundheit und Gestaltung gesundheitsförderlicher Aktivitäten. Das Kohärenzgefühl beruht auf drei Eigenschaften, die Menschen in ihren ersten beiden Lebensjahrzehnten – allerdings in unterschiedlichem Ausmaß – entwickeln:

  • Verstehbarkeit (comprehensibility): Vermögen, Ereignisse als geordnet und kontrollierbar wahrzunehmen und Zusammenhänge zwischen den Geschehnissen herzustellen.
  • Handhabbarkeit (manageability): Vertrauen, Lebensaufgaben mit Hilfe von geeigneten Ressourcen bewältigen und mit Erlebnissen umgehen zu können.
  • Sinnhaftigkeit (meaningfulness): Überzeugung, dass alle Geschehnisse und das Leben an sich einen Sinn haben, sodass Aufgaben bzw. Schwierigkeiten als Herausforderungen gesehen, akzeptiert und mit Engagement angegangen werden.

Im Gegensatz zur Salutogenese steht die Pathogenese (Krankheitsentstehung, Krankheitsentwicklung) bzw. als Gegenstück zum health behavior gibt es das sogenannte Risikoverhalten, d.h. Gewohnheiten (z.B. Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Bewegungsarmut, kalorienreiche Ernährung, exzessives Sonnenbaden, riskantes Sexualverhalten), die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich spezifische Krankheiten (z.B. Koronare Herzerkrankung, Diabetes, Krebs) einstellen. Umso mehr solcher riskanten Verhaltensweisen gepflogen werden, umso höher besteht statistisch betrachtet die Gefahr, bestimmte Krankheiten zu entwickeln.

Gesundheitsverständnis auf österreichisch

Die meisten Österreicher betrachten Gesundheit als ein sehr hohes Gut, jedoch aus einer recht individuellen Perspektive und nicht alle verstehen darunter dasselbe. Allerdings zeichnet sich ein zunehmend ganzheitlicheres Bild ab, das neben körperlichen auch seelisch-geistige und soziale Komponenten umfasst. Galt früher noch überwiegend “die Abwesenheit von Krankheit” als Gesundheit, bringt nämlich heute die Mehrzahl der in einer Untersuchung Befragten mit dem Begriff Gesundheit Wohlbefinden (z.B. Ausgeglichenheit, Lebensfreude, Glück, mentale Stärke, “mit sich im Reinen sein”), Bewegung (v.a. in der Natur) und Ernährung (z.B. frische Speisen, Obst, Flüssigkeitszufuhr) in Zusammenhang.

Dennoch korrelieren Wissen und Verhalten in vielen Fällen nur mangelhaft. Was oft genug – zumindest bei jüngeren Menschen – ein schlechtes Gewissen verursacht. So bezichtigen sich viele Österreicherinnen und Österreicher in erster Linie, zu viel zu essen, Frauen außerdem des Bewegungsmangels und Naschens, Männer des übermäßigen Alkohol- und Nikotinkonsums. Es wächst aber auch das Bewusstsein, etwas daran ändern zu können und der Wille, selbst aktiv zu werden. Selbstbestimmtheit wird immer wichtiger. Was jedoch nicht zwangsläufig heißt, dass es nun weniger schwerfällt, einmal gefasste Vorhaben, gesünder zu leben wie “mehr Bewegung” oder “mehr frisches Obst und Gemüse”, einzuhalten. Daher geraten z.B. klassische Neujahrsvorsätze wie “nicht rauchen”, “Diät halten” “kein Alkohol”, “zwei bis dreimal pro Woche Sport” oder “regelmäßige Entspannungsphasen” mit schöner Regelmäßigkeit ziemlich bald nach dem Jahreswechsel wieder in Vergessenheit.

Gesundheit als Geschlechter- und Schichtphänomen

Ob und wie sehr das Thema Gesundheit überhaupt interessiert, variiert mit der Zugehörigkeit zur jeweiligen Gesellschaftsschicht und da zeigt sich eine klar ausgeprägtere Gesundheitskompetenz (Fähigkeit, im täglichen Leben sich positiv auf die Gesundheit oder Vermeidung von Krankheiten auswirkende Entscheidungen zu treffen und selbstständig aktiv Gesundheitsvorsorge zu betreiben) bei gesellschaftlich gut situierten Zeitgenossen. Sie holen Rat ein bei Ärzten und Medien wie Tageszeitungen, Fernsehen, Radio, Internet sowie Fachzeitschriften. Offenbar ist also das Interesse an Gesundheit immer noch vom sozialen Status abhängig. Alter und Bildungsstand hingegen scheinen darauf kaum Einfluss zu nehmen, ob sich jemand über Gesundheitsthemen informieren will oder nicht.

Noch deutlicher aber zeigen sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern, belegen Studien. Demnach befassen sich Frauen intensiver mit Möglichkeiten der Krankheitsvermeidung und mit gesundheitsfördernden Maßnahmen (z.B. Ernährung, Gewichtsreduktion, Psychohygiene), Männer höchstens mit der Cholesterinreduktion bzw. Einschränkung vom Alkohol- und Nikotinkonsum. Das “starke Geschlecht“ wehrt sich häufig gegen gesundheitliche Empfehlungen, sodass innerhalb von Familien die Gesundheitsverantwortung traditionell immer noch den Frauen obliegt. Sie sind daher auch die richtigen Ansprechpartner für gesundheitsbezogene Informationskampagnen und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung (z.B. Bewegungsprogramme, Rauchstopp-Aktionen), die sie dann ihren Partnern, Söhnen etc. schmackhaft machen. Womit wir beim Idealfall angelangt wären: Krankheiten erst gar nicht entstehen zu lassen, sondern ihnen vorzubeugen.

Denn während Gesundheitsförderung sämtliche der Gesundheit dienlichen Maßnahmen innerhalb einer Gesellschaft umfasst, richtet die Prävention (Vorbeugung) ihr Interesse gezielt auf die Bewahrung der Gesundheit sowie Verhütung und Früherkennung von Krankheiten. Dementsprechend unterscheidet man zwischen

  • Primärprävention: Gesundheitsschädliche Einflüsse (z.B. ungeschütztes Sonnenbaden) werden vermieden noch ehe es zu Krankheiten kommt.
  • Sekundärprävention: Sie kommt zum Tragen, wenn Erkrankungen sich noch in einem frühen Stadium befinden und es gilt, ihr Fortschreiten durch geeignete Frühdiagnostik (z.B. Blutdruckkontrollen und Einnahme von Antihypertensiva bei Bluthochdruck zur Vereitelung von Folgeschäden wie z.B. Schlaganfällen) und zeitige Behandlung zu verhindern. Das entspricht dem Versuch einer Abwendung bestehender Risikosituationen.
  • Tertiärprävention: Ihr Schwerpunkt liegt auf der Wiederherstellung der Gesundheit nach einem Krankheitsereignis, um Folgeschäden zu vermeiden und eine Rehabilitation zu ermöglichen (z.B. Blutverdünnung nach einer Embolie zur Verhinderung weiterer thromboembolischer Ereignisse).

 

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