Familienmedizin: der Hausarzt als Vermittler

© panthermedia.net / Andres Rodriguez

Familienmedizin heißt die hausärztliche Betreuung von Familien oder familienähnlichen Gruppen in körperlicher, seelischer und sozialer Hinsicht. Die Beziehungen der Familienmitglieder zueinander und zu ihrer Umwelt spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Krankheiten stehen außer mit Umwelteinflüssen und dem Lebensstil mit der Herkunft und Familie in Zusammenhang. Denn einerseits gibt es Erbleiden und für bestimmte Erkrankungen eine sogenannte  genetische Disposition (erblich bedingte Veranlagung). Andererseits wirken sich der Kommunikationsstil sowie der Umgang mit Gesundheit und Krankheit in der Familie auf Krankheitsentstehung, -verlauf, Therapietreue und Heilungsprozesse aus. Ärzte begegnen also beim Kontakt mit einem Patienten außer seinem körperlichen Zustand, seiner seelischen Verfassung und geistigen Einstellung in gewisser Weise immer auch – direkt oder indirekt – seiner Familie. Angesichts dieser Tatsache richtet die medizinische Forschung ihr Interesse neben der Patient-Arzt-Interaktion zunehmend auf familiäre Kommunikationsstrukturen und –prozesse.

Zusammenhang Familie & Gesundheit

Eine Familie (= definitionsgemäß eine Lebensgemeinschaft von mindestens zwei Personen) ist auch eine Gesundheits- und Krankheitsgemeinschaft, innerhalb der typische Rollenverteilungen stattfinden. Beeinflusst von den jeweiligen Lebensphasen (z.B. Heirat, Geburt, Einschulung, Pubertät) und ev. Krisensituationen (z.B. Midlife-Crisis) einzelner Familienmitglieder und deren Bewältigungsstrategien. So können etwa eheliche Konflikte sich in Form einer Triangulierung (Hinzutreten eines Dritten zu einer Zweierbeziehung) auf den Nachwuchs auswirken, eine angespannte Familiensituation also als kindliche Krankheitssymptome in Erscheinung treten.

Kranke können einerseits unterschiedliche, auch unvorteilhafte, Positionen innerhalb ihrer Familie einnehmen, z.B. zum Mittelpunkt werden, um den sich alles dreht. Oder auch zum – ebenfalls aufmerksamkeitsträchtigen – “schwarzen Schaf“. Das Einbeziehen von Familie und Freunden in die Therapie hilft ihnen aber auch beim Ertragen von mit der Krankheit verbundenen Belastungen und Unsicherheiten. Einen besonderen Einfluss auf das Wohlbefinden haben Familiengeheimnisse. Sie können die Kommunikation innerhalb der Familie und die zu ihrer Umwelt erschweren.

Zur Überwindung von Krankheiten und Krisen bedarf es persönlicher Kraftquellen in den Bereichen  körperliche Gesundheit, Arbeit/Beruf, Sinn und Finanzen, aber auch soziales Umfeld, zu dem als zentraler Bestandteil die Familie gehört. Die Aufdeckung verborgener Ressourcen ist ein wichtiger Faktor jeder familienärztlichen Intervention. Der Familienverband beeinflusst also wesentlich den Zustand seiner kranken Mitglieder. Doch es geht auch andersrum.

Liegt eine schwere, chronische oder gar tödlich verlaufende Erkrankung oder Behinderung eines Angehörigen vor, bedeutet das für die gesamte Familie Stress und schwerwiegende Herausforderungen, zu deren Bewältigung sie Hilfe und Unterstützung braucht, denn

  • die Alltagsabläufe verändern sich infolge der Bedürfnisse des Erkrankten.
  • oft kommt es zu einer Neuverteilung der Rollen und Aufgaben in der Familie.
  • die notwendige Einstellung auf die Erfordernisse der Krankheit macht das Finden eines Gleichgewichts zwischen diesen und den Interessen der einzelnen Familienmitglieder notwendig.

Familienmedizin = Allgemeinmedizin

Mit der Tatsache, dass die Familie in puncto Gesundheit eine wichtige Rolle spielt, müssen sich in besonderem Maße Allgemeinmediziner, auch genannt praktische Ärzte oder Hausärzte, auseinandersetzen. Denn im Gegensatz zu Fachärzten bekommen viele Allgemeinmediziner mehr als nur ein Familienmitglied regelmäßig zu Gesicht und damit Einblick in familiäre Zusammenhänge und Lebensumstände, teilweise – bei Hausbesuchen – auch in die Privatsphäre der Patienten. Die Familienmedizin, ein 1945 vom amerikanischen Kardiologen Henry Barer Richardson geprägter Begriff, kennzeichnet also vor allem die Allgemeinmedizin, weshalb beide Begriffe in einigen Ländern (USA, Kanada, Australien,  Neuseeland, England, Irland, Skandinavien, Israel) häufig synonym verwendet werden.

In unseren Breiten stellt die Familienmedizin einen eigenständigen Bereich innerhalb der Allgemeinmedizin dar. In ihrem Mittelpunkt stehen die Auswirkungen körperlicher Krankheiten auf das persönliche Leben der Patienten und die zwischenmenschlichen Beziehungen der Familie. Hierzu arbeitet sie gleichzeitig mit den Patienten, ihren Angehörigen, den Mitarbeitern medizinischer Institutionen (z.B. Hebammen, Sozialarbeiter, Psycho- und Physiotherapeuten), sozialen Diensten und Selbsthilfegruppen.

Wie sag ich´s meinem Patienten?

Den Bedürfnissen eines Patienten wirklich gerecht zu werden bzw. seinen Gesundheitszustand in der gesamten Tragweite – also ganzheitlich – zu erfassen, erfordert die Wahrnehmung seiner psychosozialen Realität. Die beruht auf einem Wertesystem, das von geschlechtsspezifischen, sozialen, bildungsabhängigen, religiösen, ethischen, ethnischen, politischen und finanziellen Faktoren geprägt wird. Um dieses zu verstehen, bedarf es der Fähigkeit, auf seiner Wellenlänge mit ihm in Verbindung zu treten. Zur Beibehaltung der Loyalität gegenüber allen Familienmitgliedern braucht es wiederum das Wahren einer teilnahmsvollen, aber neutralen Haltung, auf der Überlegungen zu geplanten diagnostischen und therapeutischen Schritten sowie deren Begründung fußen sollten. Fertigkeiten, die nicht jeder Arzt einfach so parat hat, sondern sich in Zusatzausbildungen und Trainings (z.B. PSY-Diplome, Balint-Gruppen) aneignen kann, hierzulande aber nicht muss.

Im englischsprachigen Raum hingegen wird in hohem Maße psychotherapeutische Kommunikation in die Medizin integriert. Vor allem in Form der systemischen Familientherapie, aber auch der klientenzentrierten Gesprächstherapie, Verhaltenstherapie und anderer psychologischer Verfahren. In den USA beispielsweise absolvieren die unseren Hausärzten gleichzusetzenden general practitioners im Rahmen ihres mehrjährigen postpromotionellen Trainings eine Weiterbildung in systemischer Familientherapie.

Wichtiges Instrument der familienmedizinischen Beratung ist der Familienstammbaum alias Genogramm, mit dem sich erbliche Faktoren, v.a. aber familiäre Beziehungsmuster darstellen lassen und so dem Arzt einen wertvollen Überblick sowie den teilnehmenden Familienmitgliedern neue Sichtweisen auf ihre Situation ermöglichen.

Familienmedizin: wachsende Bedeutung

Im Zunehmen begriffen sind gesellschaftliche Wandlungen wie

  • Migration
  • Überalterung der Bevölkerung inklusive Multimorbidität (mehrere Erkrankungen gleichzeitig) und damit steigende Pflegebedürftigkeit
  • Arbeitslosigkeit
  • Verarmung
  • die Entwicklung neuer Formen von Lebensgemeinschaften (z.B. Patchworkfamilien, Seniorenwohngemeinschaften u.a.m.)

Sie bedeuten intensive Herausforderungen, die auch in der Medizin ihren Niederschlag finden. Und machen deutlich, dass die Heilkunde Patienten in ihrer Gesamtheit, also unter Einbeziehung ihres Lebensumfeldes und den Lebensbedingungen ihrer Familie, erfassen muss. Ein Ansatz, der mit ihrer fortschreitenden Spezialisierung fast verloren gegangen wäre. Eine zentrale Rolle bei der generationenübergreifenden gesundheitlichen Betreuung wird auch und vor allem der Hausarzt spielen, denn er erhält am ehesten Einblick in häusliche Versorgungsstrukturen.

Weiter führender Link:
Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM)