Blitzschlag: So gefährlich sind Gewitter

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Es ist ein Naturschauspiel der besonderen Art: Elektrostatische Entladungen durchzucken den Himmel, dann folgt Donnergrollen. Faszinierend, aber nicht ungefährlich. Denn alljährlich werden auch in Österreich ein paar Menschen im wahrsten Sinn des Wortes vom Blitz getroffen. Ob man dazu gehört, hat man auch selbst in der Hand.

Wird es Sommer, steigt die Gewitterhäufigkeit und damit die Gefahr, von einem Blitz getroffen zu werden. Die Opfer tragen meist Folgen davon, die sich danach richten, wie und wo der Blitz in den Körper einschlägt bzw. ihn streift. Ein Blitzkontakt kann auf folgende Arten geschehen:

  • als direkter Einschlag (direct strike, direct hit): Hierbei durchdringt der Großteil des Blitzstroms den Organismus. Daher findet man häufig seine Eintrittsstellen am Kopf oder an den Schultern und lochförmige Stromdurchschläge an den Füßen oder Schuhen.
  • als Blitzüberschlag (side splash, side flash, flashover): Der Blitz schlägt primär in ein Objekt (z.B. Baum, Mast) ein, erfasst dabei aber auch einen in der Nähe befindlichen Menschen.
  • via Berührungsspannung (contact voltage): Schlägt der Blitz in ein Metallteil (z.B. Golfschläger) ein, zu dem ein Mensch Kontakt hat, fließt der Blitzstrom auch durch ihn (Weg des geringsten Widerstands).
  • per Schrittspannung (Blitzschritteffekt, ground strike, stride potential, step voltage, grounding, ground current effect): Der Blitz schlägt in den Boden ein, breitet sich in der Erde und teilweise über die Oberfläche aus, sodass der Strom über die gespreizten Beine durch den Körper fließt (tritt über ein Bein in den Körper ein, über das andere wieder aus).
  • als leitervermittelter Blitzeffekt: Der Blitz trifft direkt eine Telefonleitung und über den Telefonapparat einen Anrufer oder ein Elektrokabel. Deshalb können Blitze auch innerhalb von Gebäuden Menschen beim Telefonieren über das Festnetz oder dem Bedienen elektrischer Geräte schädigen. Auf die Weise kommt es beispielsweise zu blitzbedingten Ohrverletzungen.

Auf jeden Fall entlädt sich in einem Blitz Starkstrom, der sofort oder nach einer Episode der Beschwerdefreiheit organische und/oder psychische Schäden hervorruft, die auch bleibender Natur sein und bis hin zur Invalidität oder schlimmstenfalls zum Tod führen können.

Was ein Blitzschlag mit Körper und Psyche anstellt

Die bei Blitzschlägen auftretenden elektrischen Entladungen sind sehr gefährlich, auch wenn sie – anders als bei Stromunfällen – nur Sekundenbruchteile auf den Körper einwirken. Die Verletzungen sind teilweise aber auch auf die hohe Temperatur und/oder explosive Kraft der Druckwelle des Blitzes (z.B. Zerreißungen innerer Organe) zurückzuführen. Ein Blitzschlag kann unterschiedliche Gesundheitsschäden hervorrufen – am häufigsten an der Haut, dem Herzen, Nervensystem, Gehör und den Augen.

Haut: Durch direkte Einwirkung des Blitzes kann es zu Verbrennungen und Verbrühungen aller Schweregrade kommen. Es entstehen an seinen Ein- und Austrittsstellen sogenannte Strommarken. Außerdem können sich – sofern die Energie des Blitzes nicht in den Körper gelangt, sondern infolge des Hautwiderstandes nur an der Oberfläche fließt (Gleitübertragung, skin effect, flash-over phenomenon) – sogenannte Lichtenbergsche Blitzfiguren bilden, dunkle, farnkrautartig verästelte Zeichnungen ähnlich Schmauchspuren, die nach Stunden bis Tagen verblassen oder verschwinden.

Herz: Hier sind in erster Linie Rhythmusstörungen infolge Beeinträchtigungen der Erregungsbildung und/oder -leitung zu nennen, auch lebensbedrohliche (Kammerflimmern, Asystolie). Außerdem pektanginöse Beschwerden, Herzinfarkte, Herzbeutelergüsse, auffällige Herzgeräusche und Folgen der durch den Blitz verursachten Funktionstüchtigkeit von Herzschrittmachern. Deshalb muss bei jedem Blitzopfer ein EKG erfolgen, nach einer Reanimation oder bei bleibenden Herzproblemen auch eine kardiale Langzeitüberwachung.

Nieren: Sie werden zwar nur selten direkt vom Blitz geschädigt, durch eine Myoglobinurie (Muskeleiweiß im Harn) infolge einer Zerstörung von Skelettmuskulatur (Crush-Syndrom) kann es jedoch Tage nach dem Blitzunfall zu einem sekundären Nierenversagen, schlimmstenfalls mit Hyperkaliämie und nachfolgendem Herzstillstand, kommen.

Nervensystem: In erster Linie treten Bewusstseinsstörungen unterschiedlicher Ausprägung (Desorientiertheit bis hin zur Bewusstlosigkeit) auf, die entweder auf einer Beeinträchtigung des Gehirns oder des Herzens beruhen. Typisch ist eine retrograde Amnesie (Zeit vor dem Ereignis wird nicht erinnert). Möglich sind auch Nervenschädigungen, die sich – je nach betroffenen Nerven – als Seh-, Hör-, Schluck-, Sprach-, Reflex- oder Gefühlsstörungen, Schmerzen, Lähmungen (Keraunoparalyse) oder vegetative Störungen (z.B. Bluthochdruck, übermäßiges Schwitzen) äußern, die meistens innerhalb einiger Stunden nach dem Blitzunfall nachlassen, sich gelegentlich aber auch erst Tage oder Wochen nach dem Ereignis zeigen.

Psyche: Möglich sind Stimmungsschwankungen, Erregungszustände, emotionale Labilität, Ermüdung, Todesangst, Fotophobie (Lichtscheu), Vergesslichkeit, Konzentrations- und posttraumatische Belastungsstörungen sowie Depressionen, die monatelang anhalten können.

Augen & Ohren: Häufig bildet sich Monate bis Jahre nach dem Blitzschlag eine Cataracta electrica (grauer Star durch Stromeinwirkung), seltener Läsionen der Netzhaut (z.B. Verdünnung, Ablösung) oder anderer Augenteile, gelegentlich mit Erblindung. Verletzungen des Hör- und/oder Gleichgewichtsorgans umfassen hauptsächlich Trommelfellrisse mit nachfolgenden Komplikationen (z.B. Schwerhörigkeit) und gehen oft mit Hautverbrennungen einher. Für leitervermittelte Blitzunfälle übers Telefon sind Verbrennungen des äußeren Gehörganges, Trommelfell-Perforationen, ein Tinnitus, Taubheit und Schwindel charakteristisch.

Was tun bei Blitzschlag?

Bei jedem Blitzkontakt ist der Notarzt (Tel.: 144) zu alarmieren, auch wenn keine Verletzungen erkennbar sind. Bis die Rettung eintrifft, bei Bedarf Erste Hilfe leisten, d.h. Bewusstseinsprüfung, Wundversorgung, Herzdruckmassage bei Herzstillstand, Atemspende bei Atemstillstand etc. Hierbei sind besondere Umstände zu beachten: Während sonst weite Pupillen und fehlende Pupillenreflexe als Todeszeichen gelten, verhält sich das bei Blitzschlägen anders und eine Reanimation macht auch im Zweifelsfall oft noch Sinn.

Tipps: Schutz gegen Blitzschlag

Wie gefährlich nahe ein Gewitter sich befindet, lässt sich am zeitlichen Abstand zwischen Blitz und Donner (flash-to-thunder-time) abschätzen. Eine Sekunde entspricht 300 Meter Entfernung. Beträgt der Abstand weniger als zehn Sekunden (= Gewitter ist weniger als drei Kilometer entfernt), bedeutet das Gefahr im Verzug – und es ist höchste Zeit, in geschützten Bereichen Unterschlupf zu suchen (30-30- Regel: weniger als 30 Sekunden zwischen Blitz und Donner = Gefahr, erst 30 Minuten nach dem letzten Blitz oder Donner = gefahrloses Betreten freien Geländes).

Schutz bieten geschlossene Gebäude mit Blitzableitern und – da sie als Faraday-Käfig wirken – geschlossene Autos, Wohnwagen, Eisenbahnwaggons, Kabinen von Baumaschinen, Seilbahngondeln usw. Keine geeigneten Aufenthaltsorte bei einem Gewitter sind einzeln stehende Bäume und Baumgruppen, Waldränder mit hohen Bäumen, Metallzäune, Berggrate oder Gipfel, Aussichtstürme, Fahr- oder Motorräder, ungeschützte Boote und vor allem Wasser. Letzteres sollte verlassen werden, sobald sich ein Unwetter ankündigt, denn dann ist Baden lebensgefährlich, weil Wasser Blitze anzieht.

Wird man in der freien Natur von einem Gewitter überrascht und kann nicht rechtzeitig einen geschützten Ort erreichen, lauten die Empfehlungen:

  • Sich in einem Hohlweg, einer Mulde oder Höhle aufhalten.
  • Befindet man sich auf ebenem Gelände (Gefahr: Schrittspannung), sich klein machen, d.h. die Beine eng zusammenstellen, in die Hocke gehen und den Kopf einziehen – und das am besten in einer Mulde, sofern sie nicht regenüberschwemmt ist.
  • Einen Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter zu Pfosten, Zäunen, Geländern halten.
  • Nicht Schutz unter Bäumen suchen (Gefahr: Blitzüberschlag), sondern zu Bäumen zehn Meter Abstand halten.
  • Befindet man sich in einer Gruppe, nicht dicht beisammen stehen, sondern mindestens drei Meter Abstand zum Nachbarn einhalten und getrennt voneinander die Schutzhocke einnehmen.
  • Verweilt man auf einem Boot, nicht an Deck gehen und keine Metallgegenstände berühren.
  • Auf einer Bergtour allein stehende Bäume, Liftstützen, Wasserläufe und Drahtseile meiden.
  • Handys und andere elektronischen Geräte ausschalten, Regenschirme nicht aufspannen.

Übrigens: Worauf man sich nicht verlassen darf ist, dass ein Blitz nie nochmals an derselben Stelle und immer in das höchste Objekt einschlägt.

 

Weiter führende Links:
ALDIS (Austrian Lightning Detection and Information System)
Faraday Käfig
Reanimation: Video