Armut macht krank: Einkommen als Gesundheitsfaktor

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Arm = krank. Auf diesen einfachen Nenner lässt sich die Sachlage bringen, betrachtet man den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Besitzverhältnissen. Doch warum eigentlich? Hat heutzutage und vor allem in unseren Breiten nicht jeder die gleichen Chancen, ein gesundes Leben zu führen? Die Realität spricht eine andere Sprache.

Hierzulande haben heutzutage alle Menschen Zugang zu medizinischen Einrichtungen, zu Gesundheits- und Ernährungsinformationen und Lebensmittelmärkten. Die Kriegs- und Nachkriegszeiten, wo verhungerte Gestalten die Städte bevölkerten, sind längst vorbei. Ja Untersuchungen belegen sogar, dass in sogenannten niedrigen sozialen Schichten Übergewicht deutlich verbreiteter ist als in höheren. Scheinbar muss also im Gegensatz zu früher niemand darben. Dennoch sind mittellose Menschen viel öfter und schwerer krank als wohlhabende. Und sie sterben früher, zeigen ebenfalls Studien. Offenbar gehören also Armut und Krankheit zusammen wie Pech und Schwefel. Auch heute noch. Auch in unseren Breiten noch.

Armut in Österreich

Eine Untersuchung zur Armut in Österreich 2011 zeichnet ein düsteres Bild: 1,4 Millionen Menschen, darunter 320.000 Kinder und Jugendliche, sind von materieller Armut betroffen, leben in einem Haushalt ohne oder mit geringer Erwerbstätigkeit oder unter dem europäischen Mindestlebensstandard. Tendenz steigend. Außerdem: Altersarmut wird für viele Realität. Und: Arbeit schützt vor Armut nicht: So haben 241.000 Österreicherinnen und Österreicher trotz Erwerbstätigkeit ein Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle (“working poor“).

Alter als Armutsrisiko

Es sind zwei Bevölkerungsgruppen, die als besonders armutsgefährdet gelten: einerseits Kinder und Jugendliche in Ein-Eltern-Haushalten, oft tituliert als die chronisch Kranken von morgen, weil etwa österreichische Jugendliche im Vergleich zu denen in anderen Ländern häufiger fettleibig sind, regelmäßig rauchen und übermäßig Alkohol trinken. Andererseits alleinlebende Pensionistinnen, da das Sozialsystem mehr oder minder notgedrungen (demographischer Wandel: mehr Alte, weniger Junge) zunehmend in Richtung Eigenvorsorge geht, was sich bei weitem nicht alle leisten können. Solche Rentnerinnen sind oft nicht einmal imstande, sich einfache Grundbedürfnisse zu erfüllen wie z.B. die Wohnung warm zu halten oder notwendige medizinische Behandlungen wahrzunehmen.

Dauerstress als Krankmacher

Zahlreiche, auch internationale Untersuchungen beweisen, dass sich bei einkommensschwachen Menschen in verstärktem Ausmaß und höherer Frequenz – auch mehrfache – gesundheitliche Beeinträchtigungen einstellen. Hierzu zählen chronische Krankheiten, vor allem aber psychische Erkrankungen. So ist etwa Burn Out in erster Linie ein Leiden der Alleinerzieherinnen und Hilfsarbeiter, die schon Mitte des Monats nicht mehr wissen, woher sie das Geld für wichtige Zahlungen wie Miete oder Strom usw. fürs den nächsten Monat hernehmen sollen.

Denn was Mittellose in erster Linie krank macht, ist Stress und zwar in Form eines Dauerdrucks spezieller Natur: Wer sich pausenlos abstrampeln muss, um sich bzw. seine Familie materiell einigermaßen über Wasser zu halten, oft sogar bei gleichzeitig kaum vorhandener Anerkennung seiner Leistung und geringen bis fehlenden Aufstiegschancen, fühlt sich meist ausgegrenzt, ohnmächtig und beschämt. Das betrifft nicht nur schlecht Ausgebildete, Teilzeitkräfte und Alleinunternehmer, sondern auch Menschen in sogenannten prekären Beschäftigungsverhältnissen wie etwa Scheinselbstständige oder Dauerpraktikanten, die zunehmend zu finden sind und inzwischen auch von immer mehr Hochgebildeten bekleidet werden. Wer sich – womöglich (hoch) verschuldet am Rande des (Privat-) Konkurses dahinvegetierend – von Hungerlohn zu Hungerlohn, von Honorar zu Honorar durchbeißen muss oder gar die Sozialversicherung nicht mehr bezahlen kann, steht permanent unter Druck und kann es sich nicht leisten, krank zu sein.

Logische Konsequenz: Erkrankungen werden oft nicht auskuriert, Arztbesuche aufgeschoben, Vorsorgemaßnahmen vernachlässigt. Das bedeutet Raubbau an der Gesundheit. Die wachsende wirtschaftliche Ungleichheit – sprich immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich – ist nun auch in der sogenannten Mittelschicht angekommen, die immer mehr einen sozialen Abstieg fürchten muss – ein Umstand, der zunehmend auch Vertreter dieses Standes krank macht.

Arm macht krank – krank macht arm

Reale oder auch zu erwartende Armut birgt also ein hohes Belastungspotenzial. Doch sie stresst nicht nur die Psyche, sondern schlägt sich auch auf körperlicher Ebene nieder. So haben bei den häufigsten Todesursachen wie Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs, Atemwegserkrankungen oder Unfällen sowie Fettleibigkeit (inklusive Folgen wie z.B. Diabetes), Nikotin- und Alkoholabhängigkeit (inklusive Folgen wie z.B. COPD, Lungen-, Leberkrebs) Bedürftige die Nase vorn. Und: Sie werden im Alltag auch stärker durch diese Krankheiten eingeschränkt. Denn wie sehr eine Krankheit das Leben beeinträchtigt, hängt außer von Dauer und Schweregrad der Erkrankung auch von individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, sozialer Unterstützung und dem Zugang zu medizinischer Versorgung ab. Zudem schätzen einkommensschwächere Menschen ihren allgemeinen Gesundheitszustand als schlechter ein und greifen eher zu Suchtmitteln als solche in höheren Einkommensklassen. Werden Gutverdienende krank, haben sie oft einen besseren Zugang zu medizinischen Einrichtungen bzw. zur Inanspruchnahme besonderer medizinischer Leistungen, etwa weil sie sich private Zusatzversicherungen, Wellnesstage, Gesundheitsurlaube usw. leisten können.

Eine Mitschuld am schlechteren Gesundheitszustand Einkommensschwacher trägt nicht selten ihre Wohnsituation, denn wer von der Hand in den Mund lebt, hat oft kaum die Wahl zu entscheiden, wo er logiert. Hauptsache leistbar heißt dann die Devise. Auch wenn das Domizil z.B. feucht (Gefahr: Atemwegserkrankungen wie z.B. Asthma durch Schimmelbildung) ist und/oder an einer stark befahrenen, d.h. lärmreichen Straße liegt. Ähnlich läuft es in puncto Ernährung. Oberste Priorität: Sie muss wenig kosten und satt machen. Doch Billigprodukte sind oft fett- und zuckerreich. Das erklärt, warum – anders als früher – heute die Armen dick und die Reichen dünn sind. Schlechte Lebensumstände machen also krank.

Aber es läuft auch umgekehrt: Krankheit schafft meistens nachteilige Lebensbedingungen. Denn wer krank ist, gerät leicht in die “Negativspirale der Armut“. Und das geht so: Krankheit = schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt. Kein Job = kein bzw. weniger Einkommen. Wenig Geld = schlechtere Wohnung/Ernährung/Gesundheitsversorgung. Ungesunde Lebensumstände = Verschlimmerung bestehender bzw. Auftreten weiterer Krankheiten. Mehrere Krankheiten = noch schlechtere Jobchancen usw. usf. Das trifft immer mehr psychisch Kranke, deren Zahl merklich zunimmt. Darunter fallen Menschen mit Angststörungen, Depressionen, substanzbezogenen Störungen u.a.m., die typischerweise eine hohe Komorbidität (Auftreten von Begleiterkrankungen), große Zahl an Arbeitsausfallstagen und niedrige Behandlungsrate aufweisen.

Lebenserwartung: der – gar nicht so kleine – Unterschied

Statistiken belegen bestimmte Zusammenhänge zwischen Lebenserwartung und sozio-ökonomischem Status, der an der höchsten abgeschlossenen Schulbildung gemessenen wird. Demnach beträgt bei Männern der Unterschied an Lebensjahren zwischen Vertretern der höchsten und solchen der niedrigsten Bildungsstufe fast elf Jahre, bei Frauen immerhin acht. Betrachtet man nur die in sehr gutem oder gutem Gesundheitszustand verbrachten Jahre, wächst der Unterschied zwischen der niedrigsten und höchsten Einkommensgruppe bei Frauen sogar auf gute zehn, bei Männern auf über 14 Jahre. Das legt die Schlussfolgerung nahe: Höher Gebildete leben länger.

Erfolgsfaktor Bildung?

Warum entscheidet die Bildung über Gesundheit und Lebenserwartung? Weil sie eher vor Arbeitslosigkeit schützt und besser bezahlte sowie befriedigendere Jobs verspricht. Vorteile, die zwar dank der zunehmend schlechten Wirtschaftslage längst nicht mehr alle Hochschulabsolventen genießen, doch am schlimmsten dran am Arbeitsmarkt bzw. in der Gesellschaft sind immer noch Menschen ohne Berufs- oder Schulabschluss und solche mit Migrationshintergrund. Nicht zu reden von Arbeitslosen und Obdachlosen.

Außerdem bringt Bildung Menschen dazu, sich eher mit ihrer Gesundheit und ihrem Lebensstil – z.B. der Ernährung – auseinanderzusetzen. Doch das Wissen um gesundheitsförderliches Verhalten allein verschafft an oder unter der Armutsgrenze lebenden nur begrenzt Nutzen. Denn selbst wenn sie das Kunststück fertigbringen, trotz ihres kargen Lohns ernährungstechnisch ausgewogene Gerichte aufzutischen, regelmäßig zu sporteln, genügend Sozialkontakte zu pflegen oder gar zum Gesundheitsapostel zu werden, was gerne als eigenverantwortliches Handeln hochgelobt wird, eines bleibt: der unselige Stress, immer um auch nur das Nötigste kämpfen und jede noch so kleine unvorhergesehene notwendige Ausgabe fürchten zu müssen. Das ist es letztendlich, was sie krank macht und von Gutverdienenden, die ohne Stress ihre Zahlungen bestreiten und sich auch mal Goodies wie ein feines Essen oder einen spontanen Wochenendtrip gönnen können, unterscheidet.

 

Weiter führende Links:
Österreichischer Armutsbericht
Die Armutskonferenz