Arbeitsverdichtung: Arbeitshetze als Krankmacher

Zeit ist Geld. Daher sollen immer weniger Berufstätige immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit bewältigen. Das nennt man Arbeitsverdichtung. Dabei auf der Strecke bleibt die Qualität der Arbeit. Und – nicht zuletzt – die Gesundheit der Arbeitnehmer.

Der Profit muss steigen, die Rendite stimmen. Auf diesen einfachen Nenner lässt sich bringen, was derzeit in der Wirtschaft unbarmherzig Vorrang hat. Arbeitsintensivierung und Arbeitshetze sind die Folgen des damit verbundenen harten Konkurrenzdrucks, mit dem sich die Unternehmen und vor allem deren Mitarbeiter zunehmend konfrontiert sehen. Die (scheinbare) Lösung heißt Verdichtung, d.h. eine Verteilung von mehr Aufgaben auf weniger Arbeitnehmer. Das spart – zunächst – Personal und damit Kosten. Doch oft wird hier die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Der Arbeitsverdichtung standhalten

Arbeitsverdichtung ist kein Einzelphänomen. Sie betrifft inzwischen sämtliche Wirtschaftszweige und Einkommensklassen, Teilzeitbeschäftigte genauso wie Vollzeitkräfte. In manchen Branchen aber ist sie besonders heftig spürbar: im Baugewerbe, Gesundheitswesen (Pflegekräfte!), Informations- und Kommunikationsbereich, Maschinen- und Fahrzeugbau sowie bei Lagerarbeitern und Berufsfahrern.

Verschiedenen Sachzwängen ausgesetzt (z.B. Erhaltung der Familie, Schuldentilgung), vielleicht auch eingeschüchtert durch Entlassungswellen selbst gewinnträchtiger großer Betriebe und im Bewusstsein der – zumindest in einigen Berufssparten – ungünstigen Arbeitsmarktsituation versuchen viele Arbeitnehmer, den steigenden Arbeitsbelastungen und dem übermäßigen Leistungsdruck um jeden Preis gerecht zu werden. Mit unterschiedlichen Strategien wie:

  • ständiger Dienstbereitschaft: z.B. Überstunden, Erreichbarkeit am Diensthandy rund um die Uhr, dauernder E-Mail-Check, Arbeiten in der Freizeit
  • Präsentismus (arbeiten trotz Krankheit)
  • einem Hochleistungsmodus als Dauerzustand
  • einem Multitasking: gleichzeitiges Erledigen mehrerer Aufgaben

Alles Methoden, die sich nicht oder zumindest nicht ewig durchhalten lassen.

Auswirkungen der Arbeitsverdichtung

Verdichtung zählt – neben belastenden Tätigkeiten, starkem Termin- und Leistungsdruck, Konflikten mit Kollegen oder Vorgesetzten, einer Unsicherheit des Arbeitsplatzes u.a.m. – zu den Risikofaktoren für die Entwicklung eines Burnouts und anderer psychischer Leiden. Da verwundert es nicht, dass laut OECD (Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit) in den Industrieländern bereits jeder fünfte Arbeitnehmer psychisch krank ist. Trotzdem gehen bis zu 70 Prozent davon weiter ihrem Beruf nach, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden bei Berufstätigen, die häufig unter Depressionen oder Angstzuständen leiden, doppelt so hoch ist wie bei gesunden Menschen.

Denn wer sich in der angespannten Lage einen Krankenstand “leistet“, zwingt die Kollegen, für ihn einzuspringen und seine Arbeit mitzuerledigen und riskiert damit negative Reaktionen bis hin zum Mobbing. Nicht viel besser ergeht es neuen oder weniger belastbaren Kollegen, die einer Einschulung respektive Hilfestellung bedürfen, was von den “funktionierenden“ Arbeitnehmern, die selbst oft schon an ihrem Limit angelangt sind, als unzumutbar empfunden und entsprechend häufig kaum berücksichtigt wird respektive berücksichtigt werden kann. Kurzum: Wer nicht allein zurande kommt, ist scheinbar selbst schuld.

Nebenwirkung: Fehler

Schnell und fein kann nicht sein. Dieses geflügelte Wort bewahrheitet sich in fataler Weise, sieht man genauer hin, wie allzu drastische Verdichtung sich auf die Qualität der geleisteten Arbeit bzw. der daraus entstandenen Produkte auswirkt. Denn selbst bei größtem Arbeitswillen und Fleiß – unbegrenzt lässt sich das Arbeitspensum nicht aufstocken, ohne dass sich aufgrund der Überforderung Fehler einschleichen oder auch die eine oder andere Aufgabe unerledigt bleibt. Schlimm, wenn es sich dabei um geistige oder stoffliche Erzeugnisse handelt. Tragisch, geht es um menschliche Opfer (z.B. Patienten, Pflegebedürftige) der steigenden Arbeitshetze.

Ausweg Multitasking?

Da nur ein Bruchteil aller Fähigkeiten des menschlichen Gehirns genutzt wird, warum also nicht brach liegende Reserven aktivieren und mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausführen, um Effizienz und Produktivität zu steigern, sprich Multitasking? Da macht das Oberstübchen aber nicht mit, beweisen verschiedene Studien. Im Gegenteil: Die zeitgleiche Beschäftigung mit mehreren komplexen Aufgaben führt eher zu einem Verlust an Konzentration und Leistung. Offenbar kann sich das Hirn auf eine, maximal zwei anspruchsvolle Tätigkeiten gleichzeitig konzentrieren, ist also eigentlich auf Monotasking ausgerichtet. Zudem ist die Fähigkeit zum Multitasking anscheinend nur sehr begrenzt trainierbar.

Denn auch wenn manches so wirkt, als ob es synchron erfolgen würde, tut es das nicht wirklich. Wie etwa das Mitschreiben beim Telefonieren. Hier wechselt das Hirn – zugegeben in rasanter Geschwindigkeit – eigentlich nur zwischen den beiden Tätigkeiten hin und her. Mit dem Ergebnis, dass nicht alles Gesagte auch registriert bzw. notiert wird.

Verrechnet?

Warum die Rechnung bei der Arbeitsverdichtung im wahrsten Sinn des Wortes oft nicht aufgeht, liegt u.a. darin begründet, dass Planer von Arbeitsverdichtungen häufig von störungsfreien Arbeitsabläufen ausgehen, die in der Realität jedoch eher selten stattfinden. Die daraus resultierenden wirklichkeitsfernen Vorgaben lassen keinen Raum für Reserven – nicht für zeitliche (z.B. Gerätepannen, unerwartete Verzögerungen), schon gar nicht für personelle (z.B. Krankenstände). Das führt außer zu einer enormen Arbeitshetze und Bedrohung für das Betriebsklima letztlich zu gesundheitlichen Störungen (z.B. langdauernden psychischen Erkrankungen), Fehlzeiten und Invaliditäten. Fallen daraufhin von dem ohnehin ausgedünnten Personalstand Mitarbeiter aus, können Arbeiten unerledigt bleiben.

Damit kommt es zu negativen Konsequenzen auch für die Betriebe wie Produktivitätsverlusten, teils bedeutsamen Fehlern und damit Umsatzeinbußen, sinkender Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit.

 

Weiter führende Links:
OECD-Studie: Wie psychische Erkrankungen das Berufsleben beeinflussen  
Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz 
Pflege-Thermometer 2012: Arbeitsverdichtung auf der Intensivstation 
Stanford Studie zum Multitasking 
Mobbing 

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Links zu unserem Lexikon:
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