Tauchunfall: was tun bei Dekompressionskrankheit?

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Wer die Verlockungen der faszinierenden Unterwasserwelt erkunden – also tauchen – will, sollte bedenken, dass er kein Fisch ist und die dafür notwendigen Vorbereitungen treffen. Dazu gehören auch Verhaltensmaßregeln, was zu tun ist, wenn es zu Zwischenfällen kommt. Sonst winkt als Folge eines zu schnellen Auftauchens die Dekompressionskrankheit. Sie kann folgenreich sein und erfordert eine Spezialbehandlung.

Urlaub ist für viele untrennbar mit dem Aufenthalt an einem Gewässer verbunden. Meere, Teiche und Seen laden geradezu ein zum Baden, Schwimmen, Surfen oder – Tauchen. Geht es dabei in größere Tiefen (> 9m), sind hierzu außer der entsprechenden Ausrüstung auch ein gründliches Know-how (am besten zu erwerben in professionell geführten Tauchkursen) und ein für die Sportart geeigneter Gesundheitszustand (am besten: ärztlicher Check vor Beginn mit der Taucherei) ratsam. Andernfalls kann es leicht zu Tauchunfällen kommen, die zum Großteil auf menschliches Versagen (Fehlverhalten unter Wasser wie z.B. zu rasches Auftauchen) zurückzuführen sind und viel weniger häufig auf Fehler in der Ausrüstung. Leider sind selbst die sorgfältigsten Vorbereitungen und besten Geräte keine unumstößliche Garantie für sicheres Tauchen. Kommt es also nun trotz aller Vorsicht zu einem Tauchunfall, heißt es richtig zu handeln. Oberstes Gebot dabei: Ruhe bewahren!

“Übeltäter“ Stickstoff

Da die menschliche Lunge im Gegensatz zu den Kiemen der Fische nicht darauf eingerichtet ist, unter Wasser die lebensnotwendige Atmung zu gewährleisten, brauchen Taucher Luftlieferanten, wollen sie die Tiefen eines Gewässers ergründen. Daher gehören zu ihrer Ausrüstung Atemgasflaschen. Sie werden gerne als Sauerstoffflaschen bezeichnet, enthalten in der Regel jedoch Pressluft, die aus 21% Sauerstoff und rund 78% Stickstoff sowie geringen Mengen Spurengasen (z.B. Kohlendioxid) und Edelgasen besteht, weshalb die Bezeichnung Pressluftflaschen korrekt ist. Reiner Sauerstoff wäre als Atemgas für Taucher ungeeignet, weil er schon in geringen Tiefen toxisch wirkt.

Doch auch der Stickstoff hat seine Tücken: Er lagert sich infolge des auf den Körper einwirkenden Wasserdrucks im Gewebe ein – umso mehr, je tiefer und je länger man taucht, wobei seine Verteilung in den verschiedenen Organen von deren Durchblutung und Fettgehalt (z.B. reichlich im Gehirn und in der Muskulatur) abhängt. Einmal angesammelt kann das im Gegensatz zum Sauerstoff nicht an Stoffwechselvorgängen beteiligte Gas nur durch schrittweise Abatmung über die Lunge aus dem Organismus entfernt werden.

Beim Auftauchen kehrt sich der Vorgang um, d.h. da der Druck auf den Körper nun nachlässt, gibt das Gewebe den gebundenen Stickstoff wieder ab (Dekompression) – die Organe, die ihn schnell aufgenommen haben, schnell und die ihn langsamer aufgenommen haben, entsprechend langsamer. Dann muss der gelöste Stickstoff noch auf dem Blutweg zur Lunge transportiert und dort abgeatmet werden. All das benötigt seine Zeit, was im Normalfall durch das Einhalten von Dekompressionszeiten  zwecks kontrolliertem Druckausgleich in verschiedenen Wassertiefen bewerkstelligt wird. Dabei kommt es zwar zur Entstehung sogenannter Mikroblasen im Gewebe, aber üblicherweise nicht zur Zerstörung von Strukturen.

Ein zu schnelles (z.B. panikartiges) Auftauchen hingegen bewirkt eine zu rasche Druckänderung, die unvermittelt die Bindung des Stickstoffs im Gewebe reduziert, wodurch sich dort und im Blut Gasblasen bilden, die diverse Organe nachhaltig schädigen können, beispielsweise kleine Blutgefäße verstopfen (Gasembolie) und damit Körperteile ihrer Blutzufuhr berauben. Diesen Prozess nennt man Taucherkrankheit alias Dekompressionskrankheit (DCS, DKS, DCI, Caissonkrankheit, Morbus Caisson, Tauchkrankheit, Druckfallkrankheit, Druckluftkrankheit, Kastenkrankheit; franz.: caisson = Senkkasten, Taucherglocke). Ein ernstes bis lebensbedrohliches Geschehen.

Dekompressionskrankheit

Erste Symptome einer Taucherkrankheit zeigen sich meist innerhalb weniger Minuten nach dem Auftauchen, können aber auch erst nach 24 Stunden oder sogar noch später auftreten. Sie gestalten sich vielfältig und treten in unterschiedlicher Ausprägung auf. Es gibt im Wesentlichen zwei Typen der Dekompressionskrankheit, zwischen denen aber keine strikte Trennung herrscht. Eine DCS vom Typ I zeigt als Leitsymptom Gelenk- und Muskelschmerzen, außerdem oft Hautrötungen, ein Kribbeln bzw. einen Pruritus (Hautjuckreiz, “Taucherflöhe“) besonders an den Handgelenken, Unterarmen, Ohren, Oberschenkeln und an der Nase, ev. begleitet von einem Hautemphysem (Luftansammlung in der Haut), Müdigkeit, Mikroembolien (kleine Blutgerinnsel) und Ödemen (Wasseransammlungen im Gewebe).

Bei einer DCS vom Typ II gesellen sich Organfunktionsstörungen hinzu wie etwa neurologische, Herz- oder Lungensymptome, je nachdem wo Stickstoffblasen sich bilden oder Blutgefäße verstopfen. Mögliche Symptome sind beispielsweise

  • Schwindel, starke Müdigkeit
  • Kopf-, Rücken-, Brustschmerzen
  • Hautveränderungen (Marmorierung)
  • Atemnot, Erstickungsgefühl
  • Herz-, Kreislaufprobleme
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Hör-, Seh-, Sprachstörungen, Ohrgeräusche, Hörverlust, Nasen- und Ohrenbluten
  • Lähmungen
  • Koordinationsstörungen, Orientierungslosigkeit, Bewusstseinstrübung, Bewusstlosigkeit

Eine mögliche lebensgefährliche Komplikation ist eine Gasembolie in der Lunge durch Gasblasen in einer Lungenschlagader. Schaden nehmen kann die Lunge aber auch direkt. Denn in der Tiefe presst der steigende Umgebungsdruck die Luft in der Lunge zusammen, sodass sie weniger Platz braucht als an der Wasseroberfläche. Bei zu schnellem Auftauchen dehnt sie sich durch den übereilten Druckabfall wieder aus, weshalb Alveolen (Lungenbläschen) platzen, Luftblasen ins Blut übertreten und Gasembolien verursachen können. Hier handelt es sich also um eine überdruckbedingte Lungenverletzung (Barotrauma). Weiters kann es zu Symptomen ähnlich einem Schlaganfall kommen. Oder zu Nekrosen (Absterben von Gewebe). Bei schwerem Verlauf kann die Taucherkrankheit auch tödlich enden.

Nicht zu verwechseln mit einer DCS II sind die unabhängig von der Taucherkrankheit auftretenden neurologischen Effekte des Stickstoffs in größeren Tiefen, genannt Stickstoffnarkose.

Sofortmaßnahmen

Wenn ein Tauchpartner plötzlich verzweifelt nach Luft ringt, wild gestikuliert, ungewöhnlich rasch emporsteigt oder sonst Hinweise darauf liefert, dass etwas nicht stimmt und er Hilfe braucht, ist das letzte, was er gebrauchen kann, dass sein potenzieller Retter (auch) in Panik gerät. Vielmehr ist ruhiges und planvolles Vorgehen angesagt, das – inklusive tauchspezifische Faktoren wie die Sauerstoffgabe oder Druckkammer-Therapie – in Tauchkursen gelehrt wird.

Ein Tauchunfall verlangt, dass zuallererst der Verunglückte so rasch wie möglich aus dem Wasser geborgen wird. Dann muss eine Kontrolle seiner Bewusstseinslage und Vitalfunktionen (Atmung, Herzschlag) erfolgen sowie die Alarmierung des Rettungsdienstes (Tel.: 144, Kennwort “Tauchunfall“). Das weitere Vorgehen bis zum Eintreffen des Notarztes hängt vom Zustand des Verunfallten ab:

  • Kommt es bei ihm zu einem Atem- bzw. Herz-Kreislauf-Stillstand, sind Wiederbelebungsmaßnahmen erforderlich (Atemspenden, Herzdruckmassage).
  • Ist er bewusstlos (keine Reaktion auf Ansprechen, Kneifen), soll er in stabiler Seitenlage gelagert werden.
  • Auf jeden Fall braucht er die kontinuierliche Zufuhr von normobarem Sauerstoff (beschleunigt die Abgabe von Stickstoff aus dem Gewebe) via Maske bzw. Ambubeutel und er muss vor einem Wärmeverlust, aber auch vor einer Überhitzung geschützt werden. Ist er bei Bewusstsein, benötigt er auch Flüssigkeit (schluckweise Wasser: ein Liter in der ersten Stunde).
  • Schließlich ist eine schnelle ärztlich begleitete Beförderung zur nächsten Notfalleinrichtung und rascher Weitertransport zur nächsten Therapiedruckkammer anzustreben, wobei der Arzt über das Transportmittel entscheidet. In der Regel genügt bei einer kurzen Strecke ein Wagen zur Überfuhr des Patienten. Bei längerem Weg kommt ein Hubschrauber (Flughöhe: max. 300 Meter) oder Flugzeug (Kabinendruck: 1 bar) zum Einsatz.

Anlaufstellen für Tauchunfälle (Kennwort “Tauchunfall“) in Österreich sind die Druckkammern der klinischen Abteilung für Thorax- und hyperbare Chirurgie am Landeskrankenhaus Graz und der Berufsfeuerwehr München. Vor Tauchgängen im Ausland empfiehlt es sich, in Erfahrung zu bringen, wo sich dort die nächste Druckkammer befindet. Diese Einrichtungen benötigen Angaben zum Unfallort, Unfallzeitpunkt, Zustand des Verunfallten, zur Tauchtiefe und Tauchzeit und ob ein Wiederholungstauchgang (mehr als ein Tauchgang in 24 Stunden erhöht das Risiko einer DCS) stattgefunden hat. Sie haben die Möglichkeit, bei Bedarf ein Fahrzeug mit einer Transportdruckkammer loszuschicken.

In einer solchen einer Flugzeugkabine ähnelnden Druckkammer, ausgestattet mit medizinischen Geräten sowie einer Telefon- und Videoüberwachungsanlage, findet eine Rekompression statt, d.h. durch Einatmen von reinem Sauerstoff unter erhöhtem Druck Entweichen der im Gewebe eingelagerten Stickstoffbläschen. Bis sich der Organismus an die auf der Erdoberfläche herrschenden Druckverhältnisse angepasst hat, d.h. die Symptome der Caissonkrankheit dauerhaft verschwinden oder über einen längeren Zeitraum nicht mehr verändern. Je nach Beschwerden der Betroffenen ist zusätzlich zu der Druckkammerbehandlung noch eine symptomatische Behandlung in den entsprechenden Fachabteilungen nötig (zum Beispiel Neurologie, Physiotherapie).

Tauchunfällen bzw. der Caissonkrankheit vorbeugen

Das Risiko von Tauchunfällen bzw. der Entwicklung einer Taucherkrankheit lässt sich minimieren durch

  • eine passende und gut gewartete Ausrüstung sowie Verwendung stickstoffreduzierter oder –freier Atemgase (z.B. Sauerstoff-Helium-Gemisch).
  • den Antritt von Tauchgängen nur in gut informiertem, ausgeruhtem, fittem Zustand, aber nie nach zu üppiger Nahrungsaufnahme, unter Alkohol- oder Medikamenteneinfluss oder Flüssigkeitsmangel.
  • das Tauchen nur in Gesellschaft und die Meidung von Anstrengungen unter Wasser sowie wenn möglich zu niedriger Wassertemperaturen.
  • die Einhaltung der vorgeschriebenen Auftauchzeiten.
  • nicht zu viele Tauchgänge in einem zu kurzen Zeitraum, da sich sonst mehr Stickstoff im Gewebe ansammelt.
  • das Besteigen eines Flugzeugs nach einem Tauchgang erst nach mindestens 24 Stunden, sonst können vermehrt Gasbläschen entstehen.

 

Weiter führender Link:
LKH-Univ.Klinikum Graz – Klinische Abteilung für Thoraxchirurgie und Hyperbare Chirurgie

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