Aerotoxisches Syndrom: Krank durch giftige Luft im Flugzeug?

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Augenbrennen, Übelkeit, Atemnot und anderes mehr drohen Passagieren und Bordpersonal, gelangen bei Flügen toxische Öldämpfe aus den Triebwerken in die Flugzeugkabine. Auch ernstliche gesundheitliche Langzeitfolgen sind nicht ausgeschlossen, schlagen Umweltmediziner Alarm. Handfeste wissenschaftliche Beweise für dieses als aerotoxisches Syndrom bezeichnete Phänomen stehen zwar bis dato aus. Leichtfertig Entwarnung geben sollte man trotzdem nicht.

Es lässt sich kaum leugnen: Öldämpfe können in die Flugzeugkabine und ins Cockpit gelangen. Das liegt in der technischen Natur der heutigen Flieger, die zwecks Aufrechterhaltung des Drucks in ihrem Inneren Luft aus den Kompressoren der Triebwerke beziehen (“Zapfluft“, Bleed Air). Versagen dort Dichtungen, kommt es zu anderen technischen Pannen oder fehlerhaften Wartungen, in geringer Menge aber auch bei Normalbetrieb können den speziellen Turbinenölen und der Hydraulikflüssigkeit beigemischte chemische Zusatzstoffe – vor allem sogenannte Organophosphate – austreten, am heißen Triebwerk verdampfen und ungefiltert in die Kabinenluft gelangen. Auf diese Verunreinigungen reagieren zahlreichen Berichten zufolge viele Besatzungsmitglieder der Airlines, aber auch Fluggäste mit unterschiedlichen Beschwerden. Auf diese Weise entstandene Gesundheitsschäden nennt man aerotoxisches Syndrom. Seine Existenz ist jedoch umstritten.

Kennzeichen eines aerotoxischen Syndroms

Gleich während Flügen mit giftigem Chemikaliencocktail bis hin zu einem Monat danach werden Symptome beobachtet wie

  • Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen oder –krämpfe, Durchfälle
  • Kopfschmerzen, Schwindel
  • vermehrter Tränen- und Speichelfluss, erhöhte Bronchial- und Schweißsekretion
  • Bronchospasmen (Verkrampfungen der Bronchialmuskeln, Folge: Atemnot), Lungenödeme eine Atem- und Kreislaufdepression
  • Blutdruckabfälle, Herzrhythmusstörungen
  • Muskelzuckungen
  • Augenzittern, Sehstörungen
  • akute Leberfunktionsstörungen (plötzliche Gelbfärbung der Augen und/oder Haut)
  • akute Blutbildveränderungen
  • Krampfanfälle, Angst- und Erregungszustände, Halluzinationen
  • Vergesslichkeit, Verwirrtheit, Benommenheit bis hin zur Bewusstlosigkeit.

Doch auch (viel) später muss längst nicht alles ausgestanden sein. Selbst Jahre danach noch soll die Einwirkung von Schadstoffen in der Kabinenluft auf den Organismus Auswirkungen haben können und die lesen sich wie ein Horrorroman. Da ist die Rede von

  • einem chronischen Erschöpfungssyndrom
  • einem chronischen Leber- oder Nierenversagen
  • einer chronisch inflammatorischen Polyneuropathie (Nervenstörungen entzündlicher Art)
  • Synkopen (Ohnmachtsanfälle)
  • chronischen Störungen des Blutbildes
  • Symptomen, die an ein Parkinson-Syndrom, eine Multiple Sklerose, Amyotrophe Lateralsklerose, Depressionen, Psychosen oder Demenz denken lassen.

Zudem soll sich die Gefahr der Entstehung unterschiedlichster Arten von Krebs erhöhen.

Hauptschuldige: Organophosphate

Es sind organische Phosphorverbindungen alias Organophosphate, die hauptsächlich als Auslöser eines aerotoxischen Syndroms angeschuldigt werden. Dabei handelt es sich um Ester und Amide der Phosphorsäure, Phosphite (Ester der phosphorigen Säure) und Phosphonate (Ester der Phosphorsäure), die – je nach Substanz – als mutagen (die Erbsubstanz verändernd), kanzerogen (krebserregend) oder neurotoxisch eingestuft werden.

Die toxischen Chemikalien begegnen uns nicht nur in Form von auch in Flugzeugen verwendeten Hydraulikflüssigkeiten und Schmieröladditiven sowie in anderen industriellen Erzeugnissen wie z.B. Kunststoffen, Lacken, Weichmachern oder Emulgatoren u.a.m., sondern auch in der Landwirtschaft, wo sie als Herbizide (Unkrautvertilger) und Fungizide (Antipilzmittel) dienen.

Die Giftigkeit der verschiedenen Phosphorverbindungen ist sehr unterschiedlich. Sie werden über unterschiedliche Wege aufgenommen, über die Lungen und den Verdauungstrakt rasch und vollständig, über die Haut (v.a. beim Schwitzen) verzögert. Organophosphate verteilen sich im gesamten Organismus, wobei Stoffwechselprozesse auf sie einwirken, und passieren sogar die Blut-Hirn-Schranke. Ihre toxische Wirkung beruht auf einer Hemmung der Acetylcholinesterase, eines Enzyms, das den Nervenbotenstoff Acetylcholin, der Muskelkontraktionen bewirkt, abbaut. Daraus resultiert ein Überschuss an Acetylcholin an den Nervenendigungen. Daher kommt es u.a. zu Verkrampfungen der Muskulatur. Entwickelt sich ein Herz-Kreislaufversagen, eine Atemlähmung oder ein Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge), kann der Tod eintreten. Welche Auswirkungen Organophosphate haben, hängt aber auch von der genetischen Veranlagung ab, die die Verarbeitung der Giftstoffe, d.h. ihren Abbau, steuert. Menschen, die sie nur unvollständig abbauen können, sind deshalb anfälliger für Schädigungen des Gehirns und Nervensystems.

Als besonders kritisch sehen Umweltmediziner den Stoff Trikresylphosphat (TCP) das beim Verbrennen von Triebwerksölen frei wird, denn es wirkt als Nervengift, das eine irreversible Demyelinisierung (nicht rückgängig zu machende Entmarkung) der Nerven und ihrer zugehörigen Rückenmarksbahnen verursacht und somit Lähmungen. Da die Substanz jedoch schnell wieder aus dem Körper verschwindet und es für sie bis dato kein geeignetes Nachweisverfahren gibt, fehlt es am gesicherten toxikologischen Beleg für den Zusammenhang zwischen TCP und den Symptomen, die das aerotoxische Syndrom ausmachen.

Fehlender Nachweis – keine Anerkennung

Nicht alle Vorfälle mit austretenden Öldämpfen bzw. zutage tretende Folgen werden gemeldet respektive erkannt. Zudem konnten bislang keine als gesundheitsschädlich eingestuften Konzentrationen an Giftstoffen in der Kabinenluft oder im Blut vom aerotoxischen Syndrom Betroffener nachgewiesen werden, auch nicht bei deutlicher Geruchsbelästigung. Ebenso fehlt es an gesicherten wissenschaftlichen Belegen über den Zusammenhang zwischen einer kontaminierten Kabinenluft und den angegebenen Symptomen. Daher wird das Beschwerdebild nicht von der Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrem Katalog der anerkannten Krankheiten geführt. Weshalb die Luftlinien und Flugzeugbauer auch keinen Handlungsbedarf sehen. Obwohl es andere technische Lösungen gäbe. Etwa eine Versorgung mit Atemluft durch Abnahme derselben am Flugzeugrumpf statt an den Triebwerken.

 

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