Gendermedizin: Zuckerkrankheit, Herzinfarkt und Fettleibigkeit auf weiblich

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Diabetes, Myokardinfarkt und Adipositas sind nur drei von vielen Krankheiten, die bei Frauen anders in Erscheinung treten bzw. andere Folgen haben als bei Männern. Welche, das verraten aktuelle Erkenntnisse der Gendermedizin.

Die meisten Krankheiten treten – wenn auch vielleicht in unterschiedlicher Häufigkeit – sowohl bei Frauen als auch bei Männern auf. Das heißt jedoch nicht, dass sie bei beiden Geschlechtern mit den gleichen Symptomen einhergehen, denselben Verlauf nehmen, idente Komplikationen verursachen oder übereinstimmend erlebt werden. Diese Differenzen basieren auf biologischen (z.B. genetischen, anatomischen, hormonellen) und psychosozialen (z.B. kulturellen, umweltbedingten) Verschiedenheiten. Sie sind Gegenstand des Interesses der erst seit einigen Jahren etablierten Gendermedizin (engl.: gender = soziales Geschlecht), die sich aus der Frauengesundheitsbewegung entwickelt hat.

Wie frauenspezifische Charakteristika einiger Erkrankungen beschaffen sind und warum Frauen von der Heilkunde anders versorgt werden sollten, verrät ein kleiner Streifzug durch drei sogenannte Zivilisationskrankheiten: Diabetes, Herzinfarkt und Fettleibigkeit.

Zuckerkrankheit: Frauen sind gefährdeter

Der Diabetesreport 2013 beweist es: Die Zuckerkrankheit manifestiert sich bei Mann und Frau in verschiedener Art. So leiden im Kindesalter mehr Mädchen als Buben unter einem Typ-1-Diabetes, ab der Pubertät hingegen steigt das Risiko dafür beim männlichen Geschlecht. Ein Typ-2-Diabetes tritt in Europa häufiger bei Männern mittleren Lebensalters auf, bei Frauen vor allem nach der Menopause. Noch ein wesentlicher, weil den Therapieerfolg beeinflussender Unterschied: Zuckerkranke Frauen schätzen ihre Lebensqualität – vor allem die psychische – merkbar schlechter ein als männliche Diabetiker.

Darüber hinaus sind Frauen einem speziellen Risiko für die Entwicklung einer Zuckerkrankheit ausgesetzt und zwar in der Schwangerschaft. Ein solcher Gestationsdiabetes ist zahlenmäßig im Steigen begriffen. Gleiches gilt für einen in der Gravidität neu entdeckten Typ-2-Diabetes.

Abgesehen davon sollte folgendes berücksichtigt werden: Im Gegensatz zu Männern, die eher einen erhöhten Nüchtern-Blutzucker aufweisen, entwickeln Frauen eher postprandial (nach dem Essen) hohe Blutzuckerwerte. Schlussfolgerung: Es ist sinnvoll, zur Diagnostik eines weiblichen Diabetes – öfter als es bisher getan wird – einen Glukosetoleranztest vorzunehmen, um zu beobachten, wie sich der Blutzuckerspiegel nach einer Nahrungsaufnahme verhält.

Herzinfarkt: keine reine Männerdomäne

Auch 2013 gehörten laut Statistik Austria Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall) zu den Spitzenreitern der Todesursachen in Österreich, bei Frauen ebenso wie bei Männern. Dennoch hält sich in der Volksmeinung und leider oft auch in Medizinerkreisen hartnäckig die Ansicht, dass der Herzinfarkt nicht nur grammatikalisch männlich sei. Tatsächlich erleiden aber immer mehr Frauen einen Myokardinfarkt und zwar vor allem solche nach der Menopause, also ältere. Das hat seinen Grund im dann allmählich stattfindenden Wegfall der herzschützenden Wirkung der Östrogene, denn die Produktion dieser weiblichen Hormone sinkt mit den Wechseljahren. Im Gegenzug steigen der Anteil der Androgene (männliche Hormone), die Insulinresistenz (Unempfindlichkeit des Gewebes gegenüber dem blutzuckersenkenden Hormon) und oft auch das Körpergewicht und/oder der Blutdruck – alles Risikofaktoren für die Entstehung krankhafter Veränderungen der Blutgefäße (Arteriosklerose, Blutgerinnsel) und damit eines Infarkts.

Die Crux dabei: Die Krankheit, die einen lebensbedrohlichen Notfall darstellt, zeigt sich beim weiblichen Geschlecht oft mit anderen Symptomen als dem klassischen Todesangst verursachenden thorakalen, in den linken Arm ausstrahlenden Druckschmerz, der sofort daran denken lässt, die Rettung zu alarmieren. Dabei handelt es sich um recht unspezifische Beschwerden, die gut und gerne auch bei anderen Krankheiten vorkommen wie z.B. Übelkeit, Atemnot, diffuse Brust-, Bauch- oder Rückenschmerzen, Müdigkeit und Leistungsabfall.

Damit noch nicht genug erhöhen bestimmte Faktoren das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen in besonderem Ausmaß und zwar ein erhöhter Blutzucker oder eine Depression um das 6- bis 8-fache, (vor allem familiärer) Stress um das 4- bis 6-fache, Rauchen um das 5-fache, Bluthochdruck um das 3,5- bis 4-fache und Übergewicht sowie erhöhte Blutfette immerhin noch um das 2,5- bzw. 2,4fache.

Leider fehlt es vielen Frauen aber an der richtigen Risikoeinschätzung, wie eine Studie der Medizinischen Universität Wien beweist. Die meisten wissen zwar, dass Übergewicht, Bewegungsarmut und Fehlernährung eine Gefahr fürs Herz darstellen, der Zusammenhang zwischen Übergewicht, Bewegungsmangel und Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes bzw. zwischen Zuckerkrankheit und Gefäßschädigung (=Infarktrisiko) bleibt ihnen jedoch oft verborgen. Fatal, denn Diabetikerinnen haben ein um 6- bis 8-fach höheres Risiko, einen Infarkt zu erleiden, zuckerkranke Männer “nur“ ein zweifaches als Nicht-Diabetiker. Das mangelnde Risikobewusstsein hindert – neben Zeitmangel durch Mehrfachbelastung und Schwierigkeiten, den Lebensstil zu ändern – Frauen oft daran, rechtzeitig Vorsorge (kein Nikotin, salz- und fettarme Kost, regelmäßig Sport, höchstens wenig Alkohol) zu betreiben.

Adipositas: Frauen sind motivierter zur Gewichtsreduktion

Vor allem Bauchfett macht krank, denn es beeinflusst negativ den Fettstoffwechsel und erhöht somit die Gefahr, dass Krankheiten wie etwa ein Diabetes entstehen. So gesehen haben schlanke bis kurvige Frauen einen Vorteil, denn ihre Fettpölsterchen lagern sich gewöhnlich in anderen Bereichen ab (“Hüftgold“). Entwickelt sich jedoch eine Fettleibigkeit (Body-Mass-Index von über 30) und damit ein erhöhter Anteil an Bauchfett sowie zusätzlich eine Zuckerkrankheit, steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen stärker als bei männlichen Diabetikern mit “Wohlstandsbauch“.

Fettleibige Frauen leiden aber nicht nur gesundheitlich, sondern auch seelisch und gesellschaftlich, denn allzu üppige Formen gelten in unserer Kultur nicht als ästhetisch. Das erzeugt heftigen Leidensdruck, der – im Gegensatz zu dicken Männern – viele übergewichtige Frauen dazu bringt, sich für eine operative Lösung des Problems zu entscheiden. Während für sie das Aussehen im Vordergrund steht und sie oft sogar der Illusion nachhängen, ihr Traumgewicht aus jungen Jahren erreichen zu können, ist es bei Männern eher der Wunsch, berufsfähig zu bleiben und das Streben nach einer drastischen Gewichtsreduktion, entschließen sie sich zu einem bariatrischen (gewichtsreduzierenden) Eingriff.

Die Aussicht auf eine langfristige Senkung des Körpergewichts verbessert beim schwachen mehr als beim starken Geschlecht die Therapietreue, d.h. Frauen sind eher bereit zu einer Zügelung der Nahrungsmenge und Ernährungsumstellung. Deshalb sind einige Methoden der sogenannten Adipositas-Chirurgie (z.B. Magenballon, -band, -bypass, Schlauchmagen) bei ihnen wirkungsvoller als bei Männern. Am “geschlechtsneutralsten“ der operativen Verfahren erweist sich hinsichtlich der Lebensqualität der Magenbypass, bei dem der Nahrungsbrei aus einem verkleinerten Magen direkt in den Dünndarm geleitet und dort auch noch schlechter verwertet wird.

Unterschiedlich gestalten sich neben dem Therapieerfolg der Eingriffe auch die Komplikationen. So kommt es etwa nach einer Schlauchmagen-Operation bei Männern deutlich häufiger zu Problemen an der Nahtstelle als bei Frauen.

Weiter führende Links:
Österreichischer Diabetesbericht 2013 
Zonta Initiative Golden Heart 
Tagung Viszeralmedizin 2012 
Studie der Medizinischen Universität Wien 

Weitere Ratgeber zum Thema Gendermedizin:
Gendermedizin: Auch Männer sind manchmal im Nachteil 
Männerkrankheiten: Wo das starke Geschlecht seine Schwachstellen hat 
Männergesundheit: Warum sind Männer Vorsorgemuffel? 
Osteoporose: immer öfter auch Männersache 

Ratgeber zu Diabetes, Adipositas und Herzinfarkt:
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Links zu unserem Lexikon:
Diabetes
Herzinfarkt
Adipositas