Gendermedizin: Frauen funktionieren anders

© panthermedia.net / iofoto

Die Medizin ist nur grammatikalisch weiblich. Denn sie orientiert sich – von der Forschung bis zur Therapie – immer noch am männlichen Organismus und ignoriert somit wesentliche Geschlechtsunterschiede. Oftmals zum Nachteil der Frauen. Ein junger Zweig der Heilkunde, die Gendermedizin, erforscht diese Unterschiede und ihre Auswirkungen.

Die konventionelle Medizin sieht den Mann als Leitbild und ignoriert bisher weitgehend, dass Frauen in vielen Belangen, z.B. in puncto Krankheitszeichen und Medikamentenwirkungen, anders sind. Die Gendermedizin (engl.: gender = soziales Geschlecht) widmet sich der Aufdeckung dieser geschlechtsspezifischen Unterschiede inklusive der sich daraus ergebenden Konsequenzen. Die Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse in diversen Gesundheitseinrichtungen erfordert vielfach ein Umdenken der Ärzte und Therapeuten.

Forschung: eingeschränkte Sichtweise als Norm

Die Einseitigkeit der medizinischen Forschung beginnt bereits im Tierversuch, wenn etwa zur Untersuchung von Medikamenten(neben)wirkungen nur männliche Mäuse, bei denen ja kein weiblicher Zyklus beachtet werden muss, eingesetzt werden. Und neue Wirkstoffe ausschließlich an Männern getestet werden, weil in weiblichen Organismen stärkere Hormonschwankungen stattfinden, was die Erforschung von Medikamenteneffekten erschwert und möglicherweise Studienergebnisse beeinflusst. Mit dem Resultat, dass genau dieser für die Behandlung weiblicher Individuen relevante Aspekt keinen Eingang in die Forschungsergebnisse findet.

Die Contergan-Affäre der 1950er-Jahre tut ihr Übriges, damit gebärfähige Frauen nicht gern als Testpersonen für Arzneien genommen werden (Contergan = Thalidomid, ein Beruhigungs- und Schlafmittel, das zu Totgeburten bzw. schweren Missbildungen bei Lebendgeborenen führte). Nicht zuletzt verhindern langwierige Zulassungsverfahren oft, dass Medikamente nur oder zusätzlich an Frauen getestet werden. Folge: Die an Männern gewonnenen Erkenntnisse werden einfach auf Frauen übertragen.

Arzneimittelwirkungen, -verträglichkeit und –nebenwirkungen variieren aber nun einmal auch mit dem Geschlecht. Ein Umstand, der bei den beschriebenen Wirkungen und unerwünschten Effekten sowie der empfohlenen Dosierung von Arzneien noch wenig berücksichtigt wird. Eine problematische Vorgehensweise, die z.B. im Fall von antiviralen Präparaten zur HIV-Therapie zu einer ungewollten Überdosierung bei Frauen mit nachfolgendem erhöhtem Sterberisiko geführt hat.

Fazit: Zur Vermeidung unbekannter Arzneimitteleffekte auf den weiblichen Organismus ist es wünschenswert, Frauen in alle Phasen klinischer Studien zu integrieren. Dafür macht sich die Gendermedizin stark.

Symptomatik: Frauen leiden anders

Mit dem Geschlecht variieren auch die Empfindlichkeiten. So reagieren etwa chronische Schmerzpatientinnen laut einer aktuellen Studie der kanadischen Simon Fraser University deutlich dünnhäutiger auf Lärm, sogar auf Geräusche, die von Gesunden gar nicht als Krach wahrgenommen werden. Zudem erhöht bei Frauen Schlafmangel das Schmerzempfinden.

Lebensstil: Frauen (er)leben anders

Frauen gelten als Managerinnen der Gesundheit ihrer Familien, informieren sich meist über allerlei Gesundheits- und Ernährungsthemen, konsumieren weniger Alkohol und Nikotin, gehen aber öfter zu Vorsorgeuntersuchungen, lassen sich eher helfen und bekommen mehr Medikamente als Männer. Die Zahl der Lebensjahre, die sie in unversehrtem Zustand verbringen, ist jedoch trotz größerem Gesundheitsbewusstsein und höherer Lebenserwartung verhältnismäßig geringer, d.h. sie leiden häufiger an Funktionseinbußen, chronischen Krankheiten und Behinderungen. Der eigentliche Grund für diese Tatsache bleibt bis dato ungeklärt, auch wenn zumindest teilweise ein Mangel an sportlicher Betätigung und ein Zuviel an Diäten eine Rolle spielen mag. Dass sich das weibliche Geschlecht öfter krank fühlt als das männliche dürfte auch daran liegen, dass Frauen im Hinblick auf die eigene Gesundheit pessimistischer sind.

Bemerkenswert ist zudem, dass sich verschiedene Lebensstilfaktoren, etwa der Gebrauch von Genussgiften wie Alkohol, anders auf Frauen auswirken als auf Männer. Denn auch wenn Frauen beim Konsum von geistigen Getränken aufholen, bleibt die Tatsache bestehen, dass sie in puncto Alkoholverträglichkeit ihrer Leber gegenüber dem starken Geschlecht klar im Nachteil sind. Im Klartext: Der weibliche Stoffwechsel kann weniger Alkohol verarbeiten, sodass deutlich geringere Mengen an regelmäßig getrunkenen Spirituosen ausreichen, um der Leber zu schaden und schlimmstenfalls eine Leberzirrhose zu verursachen.

Diagnostik: Frauen ticken anders

Am Anfang jeder üblichen ärztlichen Konsultation steht das Gespräch, das der Erhebung der Krankheitsgeschichte (Anamnese), vor allem aber der Feststellung der momentanen Beschwerden sowie des aktuellen Gesundheitszustandes dient. Schon allein hier zeigen sich eklatante Unterschiede zwischen Frau und Mann – und zwar im Kommunikationsstil. Während das starke Geschlecht meist recht rasch zur Sache kommt, brauchen Frauen erst einmal eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der sie sich wertgeschätzt und verstanden fühlen, um über ihre (gesundheitlichen) Probleme reden zu können. Im Gespräch selbst tendieren sie zu einer Verharmlosung der Symptome – nicht gerade eine Erleichterung für die Diagnosefindung.

Für den Arzt heißt das, mit Bedacht die richtige – sprich einfühlsame – Art von Gesprächsführung zu wählen, will er zielführende Informationen erhalten, die zur richtigen Diagnose führen. Geschieht das nicht, wie es in der Praxis zuweilen aufgrund von Stress z.B. infolge eines übervollen Wartezimmers der Fall ist, können Fehleinschätzungen und/oder unterlassene bzw. überflüssige Untersuchungen folgen.

Hinzu kommt, dass Mediziner darin geschult sein sollten zu erkennen, dass sich Krankheitssymptome und –verlauf bei Frauen anders gestalten (können) als bei Männern. So gilt etwa als typisches Erkennungsmerkmal eines Herzinfarkts ein beengender Druckschmerz in der Brust, der in den linken Arm ausstrahlt, wie männliche Infarktpatienten das Ereignis häufig erleben. Frauen zeigen bei einem Myokardinfarkt aber oft recht unspezifische Symptome wie beispielsweise Übelkeit, Oberbauch- oder Rückenschmerzen, die oft verkannt, daher fehldiagnostiziert und damit falsch behandelt werden.

Tatsächlich erweist sich in Untersuchungen, dass Frauen häufiger un-, unter- oder fehlbehandelt bleiben, öfter mit einer psychosomatischen Diagnose versehen und seltener organisch durchuntersucht werden als Männer mit den gleichen Symptomen.

Therapien: Frauen reagieren anders

Wie ein Medikament wirkt, hängt auch davon ab, ob es ein Mann oder eine Frau nimmt. Das zeigt sich selbst bei frei verkäuflichen und daher oft verharmlosten Mitteln wie z.B. Aspirin, das Männer eher vor einem Herzinfarkt schützt, Frauen aber eher vor einem Schlaganfall.

Ähnliches gilt für unerwünschte, d.h. potenziell gefährliche Wirkungen von Arzneien wie z.B. bei Antiarrhythmika (Substanzen zur Therapie von Herzrhythmusstörungen), die bei Frauen die Symptome verschlimmern können bis hin zum Herzstillstand. Oder ACE-Hemmer, die zur Blutdrucksenkung eingesetzt werden und vorwiegend bei Frauen ein Hüsteln als Nebenwirkung hervorrufen. Oder Opioid-Schmerzmittel, die bei Frauen zwar schneller wirken, aber deutlich häufiger mit Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Erbrechen verbunden sind usw. usf.

Abgesehen davon spielen körperliche Unterschiede wie etwa die Fettmenge (Frauen: höherer Fett- und Wasseranteil als Männer, Folge: andere Verteilung von Stoffen), Stoffwechselprozesse (Frauen: höhere Enzym-Aktivität, Folge: schnellerer Abbau von Substanzen) oder die Perfusion (Frauen: stärkere Organdurchblutung) eine Rolle in Bezug auf die Wirksamkeit von Arzneien. So büßen etwa intramuskulär verabreichte Antibiotika bei Frauen aufgrund ihres fettreicheren Gewebes erheblich an Effektivität ein, was eine andere Applikationsform nahelegt.

Alles gute Gründe, um bei der Art der Arzneimittelgabe und den Dosierungsrichtlinien Geschlechtsunterschiede zu berücksichtigen. Andernfalls sind Frauen einem um bis zu 1,7-fach höheren Risiko für unerwünschte Medikamentenwirkungen ausgesetzt.

Prognose: Frauen regenerieren anders

Krankheiten verursachen beim weiblichen Geschlecht nicht nur oft andere Symptome, sondern nehmen u.U. auch einen anderen Verlauf. Weibliche Hormone, die Östrogene, bedingen zwar z.B. ein niedrigeres Herzinfarktrisiko für Frauen vor dem Wechsel, ein Infarkt endet für Frauen unter 60 Jahren aber häufiger tödlich. Schlaganfälle wiederum treten bei Frauen durchschnittlich fünf Jahre später auf als bei Männern, ereignen sich aber fulminanter.

 

Weitere Ratgeber zum Thema Gendermedizin:
Gendermedizin: Auch Männer sind manchmal im Nachteil
Männerkrankheiten: Wo das starke Geschlecht seine Schwachstellen hat
Männergesundheit: Warum sind Männer Vorsorgemuffel?
Osteoporose: immer öfter auch Männersache