Weitsichtigkeit: Symptome zeigen sich oft nur verdeckt

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Weitsichtigkeit (Hypermetropie, Hyperopie) bedeutet, dass ferne Gegenstände gut, nähere hingegen nur unscharf gesehen werden. Das verursacht vor allem beim Lesen und der Bildschirmarbeit Symptome wie Augenbrennen oder Kopfschmerzen.

Die Ursache für eine Hypermetropie liegt in der Mehrzahl der Fälle in einem zu kurz geratenen Augapfel (normale Achsenlänge: 24 mm), wobei eine Achsenverkürzung um einen Millimeter eine Weitsichtigkeit von rund 3 Dioptrien (dpt) bedingt. Daher spricht man von einer Achsenhyperopie (Achsenhypermetropie). Seltener ruft eine zu geringe Brechkraft von Hornhaut, Glaskörper oder Linse eine Weitsichtigkeit hervor, die dann Brechungshyperopie (Brechungshypermetropie) heißt.

Jedenfalls führen solche Veränderungen dazu, dass Objekte bei entspanntem Auge nicht – wie es für einen scharfen Seheindruck erforderlich wäre – auf der Netzhaut abgebildet werden, sondern dahinter. Mit einer geschätzten Häufigkeit von 20 – 25% der Bevölkerung gehört die Hyperopie – neben der Kurzsichtigkeit (Myopie) und Stabsichtigkeit (Astigmatismus) – zu den häufigsten Sehstörungen.

Symptome: Alter entscheidet mit

Vor allem in jungen Jahren kann bis zu einem gewissen Grad der Strahlenkörper (Ziliarmuskel) durch seine Anspannung die Brechkraft der Linse erhöhen und so an die Erfordernisse der Nahsicht anpassen (Akkommodation). Deshalb bereitet die Wahrnehmung von Objekten in kurzem Abstand jungen Menschen mit einer niedrig- bis mittelgradigen Achsenhyperopie oft keine nennenswerten Schwierigkeiten. Denn dieser – automatisch und unbewusst ablaufende – Mechanismus gleicht bei ihnen die Fehlsichtigkeit aus, was als versteckte oder verdeckte Weitsichtigkeit (latente Hyperopie) bezeichnet wird.

Allerdings kann eine unerkannte und unkorrigierte Hypermetropie im Kindesalter die Akkommodation und die damit verbundene Konvergenz (Einwärtsbewegung der Augäpfel) überstrapazieren und ein Einwärtsschielen hervorrufen. Weitere häufige Begleiterscheinungen einer überbeanspruchten Akkommodation sind Kopfschmerzen, Verschwommensehen, Augenschmerzen und -brennen sowie rasche Ermüdbarkeit. Mit zunehmendem Alter lässt die Akkommodationsfähigkeit nach, weil die Linse an Elastizität verliert. Dann tritt die Weitsichtigkeit deutlicher zutage.

Der altersbedingte Verlust der Linsenelastizität und damit Akkommodationsfähigkeit ist ein Prozess, der auch vor Normal- und Kurzsichtigen nicht halt macht. Als Folge kommt es zur sogenannten Alterssichtigkeit (Presbyopie), einer Form der Weitsichtigkeit, die alle Erwachsenen betrifft. Sie beginnt bereits im vierten Lebensjahrzehnt. Ihre Entwicklung wird durch mangelhafte oder gar fehlende Korrektur einer vorbestehenden Weitsichtigkeit beschleunigt.

Bin ich weitsichtig?

Eine ungetrübte Fernsicht bei verschwommener Nahsicht bzw. Beschwerden wie Kopfschmerzen oder brennende Augen nach Tätigkeiten wie längerem Lesen oder Bildschirmarbeit sind potenzielle Hinweise, die zum Augenarzt führen sollten. Dieser diagnostiziert eine Hyperopie, indem er die Brechkraft des Auges misst, um die notwendigen Werte für eine womöglich notwendige Brille oder Kontaktlinsen zu ermitteln.

Zuerst erfolgt eine objektive Refraktionsbestimmung: Der Patient schaut dabei auf ein Bild in einem Refraktometer (Gerät mit vorschaltbaren Linsen), das er so einstellt, bis es ihm scharf vorkommt. Die Werte, bei denen ihm das Bild scharf erscheint, dienen als Ausgangswerte für die danach erfolgende subjektive Refraktionsbestimmung: Der Augenarzt testet zunächst den Fernvisus anhand von Sehprobentafeln, zuerst ohne (Visus sine correctione; sc), dann – falls nötig – zum Abgleich mit vorgesetzten Gläsern unterschiedlicher Dioptrien bis die optimale Sehschärfe (Sehkraft mit Brille; Visus cum correctione; cc) erreicht ist.

Dann prüft er mittels Texten in unterschiedlichen Schriftgrößen (z.B. Jäger Lesetafeln) den Nahvisus – ebenfalls zuerst ohne, dann – wenn erforderlich – mit vorgesetzten Gläsern unterschiedlicher Dioptrien bis wenn möglich auch noch die kleinste Schrift der Prüftexte entziffert werden kann.

Um eine durch hohe Akkommodationsfähigkeit verschleierte Hyperopie (= versteckte Weitsichtigkeit) korrekt zu diagnostizieren, wird besonders bei Kindern die objektive Refraktionsbestimmung in Zykloplegie (vorübergehende Lähmung des Ziliarkörpers mit Augentropfen) durchgeführt.

Therapie: Sehbehelf oder Operation

Ebenso wie die Kurzsichtigkeit wird die Weitsichtigkeit am häufigsten mit einem Sehbehelf (Brille, Kontaktlinsen) korrigiert. Hier bedarf es sogenannter Konvexlinsen (Sammelgläser) mit positivem Brechwert (z.B. +2 dpt), die die einfallenden Lichtstrahlen so bündeln, dass diese sich auf  der Netzhaut zu einem scharfen Bild vereinen.

Wer Sehbehelfe als sehr störend empfindet, nur wenige Dioptrien Weitsichtigkeit aufweist und keine Scheu vor einem operativen Eingriff an den Augen hat, kann mittels refraktiver Chirurgie Normalsichtigkeit herstellen lassen. Dabei wird mit Laser die Form, Dicke oder Oberfläche der Hornhaut (z.B. Verstärkung der Hornhautkrümmung durch Abtragen äußerer Hornhautbereiche) so modelliert, dass deren Brechkraft zunimmt. Hauptrisiken dieses Verfahrens sind eine mögliche Vernarbung der Hornhaut sowie eine Unter- (verbleibende Restweitsichtigkeit) oder Überkorrektur (Folge: Kurzsichtigkeit) der Sehkraft.

Bei sehr starker Hypermetropie kann eine Implantation künstlicher Linsen Abhilfe schaffen. Dasselbe gilt, wenn eine Aphakie (Linsenlosigkeit) der Hyperopie zugrunde liegt. Auch eine durch Sehbehelfe nicht ausreichend behandelbare Weitsichtigkeit infolge einer Linsenluxation (Verschiebung der Linse aus ihrer natürlichen Lage) kann durch Entfernung der “verrutschten“ natürlichen Linse und Ersatz durch eine Kunstlinse therapiert werden.

Gute AusSICHTen

Anders als die Kurzsichtigkeit zeigt die Weitsichtigkeit nur selten einen fortschreitenden Verlauf, auch wenn sie sich mit zunehmendem Alter infolge der nachlassenden Akkommodationsfähigkeit stärker bemerkbar macht. Vorbeugen ist bei beiden Fehlsichtigkeiten nicht möglich. Rechtzeitig – d.h. im Kindesalter – erkannt und behandelt, lässt sich mit einer Brille aber der mit einer Hyperopie verbundenen Schielneigung entgegenwirken. So können in vielen Fällen aus hyperopen Kindern auch emmetrope (normalsichtige) Erwachsene werden.

Vorsicht erhöhter Augendruck!

Der verkürzte Augapfel bei einer Achsenhyperopie verändert dessen Aufbau derart, dass weitsichtige Erwachsene ein höheres Risiko haben, einen erhöhten Augendruck – sprich Grüner Star (Glaukom) – zu entwickeln. Deshalb sind regelmäßige Kontrollen beim Augenarzt wichtig – nicht nur zur Brillenanpassung, sondern auch zwecks Augeninnendruck-Messung. Unterbleibt die rechtzeitige Erkennung eines Glaukoms, kann das weitrechende Folgen haben. Es drohen Gesichtsfeldausfälle bis hin zur Erblindung.

 

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