Sonnentau: Fleischfressende Moorpflanze als Hustenmittel

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Seine Blätter benetzt Sekret, das aussieht wie Tautropfen, die aber bei Sonnenschein nicht schmelzen und dem nach Insekten hungrigen Sonnentau sein interessantes Äußeres verleihen. Bemerkenswert ist auch sein Inneres, denn die Inhaltsstoffe des Sonnentaus wirken nachweislich bei Husten und Co.

Heimisch ist der aus Madagaskar stammende, mehrjährige rundblättrige Sonnentau beinahe auf der gesamten Nordhalbkugel, wo er v.a. in Sümpfen und offenen Mooren höherer und sonniger Lagen wächst. Die Pflanze bildet im Winter einen Hibernakel (Winterknospe) aus dem im Frühling eine Rosette mit in Bodennähe befindlichen Stängeln und Blättern entsteht. Die rundlichen, gestielten, frisch grünen Blätter besitzen rote Tentakeln (Drüsenhaare), die ein durchsichtiges Sekret erzeugen, das aussieht wie Tautropfen, was dem Sonnentau seinen Namen beschert. Das Sekret ist sehr klebrig, sodass sich an den Blättern niederlassende Insekten haften bleiben, und enthält eiweißspaltende Enzyme, die die Insekten verdauen. Auf diese Weise bekommt der Sonnentau die Proteine, die er braucht, weil es nährstoffarmen Mooren daran mangelt.

Etwa zu Sommerbeginn sprießt aus der Rosette ein bis zu 20 cm hoher Blütenstängel, an dem bis zu 25 rund einen Zentimeter große, weiße oder rosa Blüten mit fünf Blütenblättern, die sich nur bei Sonnenschein öffnen, in einer Traube wachsen. Aus ihnen entwickeln sich nach der Bestäubung Kapseln, in denen bräunlich-schwarze Samen heranreifen.

Im Volksmund heißt der zur Familie der Sonnentaugewächse (Droseraceae) gehörende Sonnentau (rundblättriger Sonnentau, Drosera rotundifolia) auch Bauernlöffel, Brock-, Brunst-, Bullen-, Egel-, Engel-, Fett-, Löffel- oder Stierkraut, Fliegenfalle, Foaste, Frickatau, Frisminit, Gideonswurz, Himmels-, Immer- oder Wettertau, Insektenfressa, Jungfernblut, -blüte, -öl oder -tröpfle, Kälberblume, Mandeln, Marienträne, Perlknöpf, Rossoli, Sindaw, Sinnau, Sinnthau, Sondau, Sonnenbrand, Sonnenlöffel und (goldener) Widerton.

Hauptwirkstoffe: Naphthochinone

An Inhaltsstoffen hat der Sonnentau Naphthochinonderivate (Plumbagin, Droseron, Ramentaceon), Gerb- und Bitterstoffe, Ameisen-, Apfel-, Essig- und Zitronensäure, ätherische Öle, Flavonoide (Hyperosid, Quercetin, Isoquercitrin), Anthocyan (roter Farbstoff) und Schleimstoffe zu bieten. Die Naphthochinone entspannen die glatte Muskulatur der Bronchien, erweitern sie daher und lindern so Hustenreiz. Außerdem lösen sie zähflüssigen Schleim. Plumbagin und andere Naphthoquinone wirken gegen verschiedene Bakterien (z.B. Bordetella pertussis = Keuchhusten-Erreger) und einige Pilze.

In sehr niedrigen Konzentrationen dürfte Plumbagin das Immunsystem stimulieren, in höheren Konzentrationen aber immunsuppressiv (Immunreaktionen unterdrückend) wirken. Die Substanz reduziert durch Hemmung der Enzyme der Prostaglandin-Biosynthese die Produktion entzündlicher Botenstoffe.

Klassisches Hustenmittel

Der Sonnentau wirkt laut Volksheilkunde antibiotisch, entzündungshemmend, reizlindernd, hustenstillend, krampf- und schleimlösend, was ihn – wissenschaftlich belegt – zu einer idealen Heilpflanze gegen Husten, auch Reiz- Krampf- und Keuchhusten, Heiserkeit und Lungenerkrankungen (z.B. Asthma, Bronchitis, COPD) aller Art macht. Weitere – allerdings nicht durch Forschungen untermauerte –  Anwendungsgebiete sind Bluthochdruck, Hauterkrankungen, Wundheilungsstörungen und Verdauungsbeschwerden, früher auch Tuberkulose, Epilepsie, Psychosen, Unfruchtbarkeit und Warzen, Hühneraugen und Sommersprossen.

Für heilkundliche Zwecke genutzt wird die Wurzel und das zur Blütezeit (Juli, August) gesammelte und getrocknete Kraut des Sonnentaus. Innerliche Anwendung findet der rundblättrige Sonnentau als Tee (meist in Hustenteemischungen mit anderen Heilpflanzen wie z.B. Anis, Thymiankraut, Eibisch- oder Primelwurzel), Tinktur oder – heutzutage am häufigsten – Fertigpräparat (Pastillen, Sirup, Tropfen), außerdem als homöopathische Mittel. Äußerlich kommen Sonnentau-Tee, verdünnte Tinktur oder Salbe in Form von Umschlägen, Bädern, Waschungen oder Einreibungen zur Behandlung von Hautleiden zum Einsatz.
Zur Herstellung einer Sonnentau-Tinktur in einem Schraubdeckel-Glas frischen oder getrockneten Sonnentau mit Weingeist bedecken, das Glas verschließen und die Mischung zwei bis sechs Wochen lang ziehen lassen. Sie abseihen und in eine dunkle Flasche füllen.

Da rundblättriger Sonnentau unter Naturschutz steht, darf man ihn nicht selber in freier Natur sammeln, jedoch im eigenen Garten selbst angebauten ernten. Zudem ist Sonnentau-Kraut in manchen Kräuter-Läden und im Onlineversand erhältlich, wobei es sich meistens um Sonnentau aus nicht europäischen Ländern handelt oder um andere der rund 200 Sonnentau-Arten, die weltweit (v.a. in Australien und Südafrika) wachsen und die gleiche Heilwirkung besitzen wie der rundblättrige Sonnentau, aber – anders als dieser – nicht gefährdet sind. Dazu gehören etwa die v.a. in Madagaskar, der Kapregion und Ostafrika ansässige Drosera ramentacea, in Ostasien wachsende Drosera peltata und der in Afrika und Madagaskar heimische Madagaskar Sonnentau (Drosera madagascariensis), der nicht bodennah in einer Rosette, sondern entlang eines Stängels wächst. Sie werden inzwischen, um den Bestand nicht durch Wildsammlungen zu gefährden, auch kultiviert. Ein anderer Ansatz zur Gewinnung der wertvollen Inhaltsstoffe (v.a. Naphthochinone) des Sonnentaus ist, Zellen von verschiedenen Sonnentau-Arten unter Laborbedingungen zu züchten.

Nebenwirkungen und magische Wirkungen

Innerlich angewendet verursachen Sonnentau-Zubereitungen eine grünbraune Verfärbung des Urins. Ein zu intensiver Genuss von Sonnentau-Tee (mehr als zwei Tassen täglich) kann Husten oder auch Atemnot verstärken statt sie zu lindern. Denn der Gehalt an wirksamen Inhaltsstoffen im Tee kann stark schwanken. Es empfiehlt sich zudem, nach spätestens sechs Wochen Daueranwendung der Heilpflanze zu pausieren, um ev. unerwünschte Langzeitwirkungen und durch Gewöhnung bedingte Wirkungsverluste zu verhindern.

Plumbagin ist in höheren Konzentrationen giftig und mutagen (erbgutverändernd), möglicherweise auch abortiv (Fehlgeburten auslösend im Tierversuch). Aufgrund der Mutagenität sollten während der Schwangerschaft und Stillzeit keine Sonnentau-Präparate eingenommen werden.

Naphthochinone können die Haut reizen. Selten kommt es auch zu allergischen Reaktionen.

Außer heilsamen Effekten (z.B. gegen Epilepsie oder die Pest) haben sich die Menschen früher eine gewisse Magie vom Sonnentau erhofft. Im Mittelalter etwa hegten Alchemisten die Hoffnung, daraus Gold oder ein Lebenselixier herstellen zu können. Die Pflanze diente auch zur Abwehr von Schadenszauber und zum Erkennen von Giften (“Beweis“: mit Gift gemischter Sonnentau soll Glas zerbrechen oder Flüssigkeit zum Sieden bringen). Jäger vertrauten darauf, dank der Verwendung von Sonnentau beim Schießen zuverlässig zu treffen.

Link zu unserem Lexikon:
Sonnentau-Tee