Beifuß: Allergie-Auslöser, Heilkraut und Gewürz

©panthermedia.net, Heike Rau

Einst machtvolle Schutzpflanze fristet der Beifuß heute in unseren Breiten ein Schattendasein als Unkraut oder wird als Allergie-Auslöser verfemt. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) weiß die Heilpflanze besser zu nutzen – zur Moxibustion (Moxa).

Unscheinbar wächst der bis zu zwei Meter hohe Gewöhnliche Beifuß (Artemisia vulgaris) an vielen Wegrändern und Böschungen. Im Hochsommer bis Herbst hat er seine Blütezeit – zum Leidwesen vieler Pollenallergiker, die auf seinen Blütenstaub mit Schnupfen, Augentränen oder auch Asthmaanfällen reagieren. Einige müssen deswegen sogar beim Würzen von Speisen aufpassen und den Genuss von Sellerie meiden, weil sie dank einer Kreuzallergie darauf mit Beschwerden reagieren. Das hat der Pflanze aus der Familie der Korbblütler einen schlechten Ruf eingebracht

Magisch-schamanisches Heilkraut

Anders als heute wurde der Beifuß in früheren Zeiten geradezu verehrt. So soll er im alten Ägypten der Göttin Isis und bei den Römern der Jagdgöttin Diana geweiht gewesen sein. Die persische Königin Artemisia oder die griechische Jagdgöttin Artemis fungierten möglicherweise als Namensgeberin seiner wissenschaftlichen Bezeichnung Artemisia vulgaris.

Zudem steht ein Gürtel aus Beifuß im Ruf, dem germanischen Gott Thor besondere Stärke verliehen zu haben. Ein solcher Gürtel am Ende des Sonnenwendfestes im Feuer verbrannt soll alles Schlechte vernichten. Eine Beifußwurzel in einem Amulett gibt angeblich Kraft und ein mit Beifuß gefülltes Kissen verhilft – den Schamanen nach – zu Wahrträumen.

Mutter aller Kräuter

Einst wurde der Beifuß als besondere Heilpflanze (“Mutter aller Kräuter“) angesehen. Seine Heilwirkungen wurden vor allem bei Frauenleiden genützt. Ein Umstand, der sich in einigen seiner volkstümlichen Namen wie Weiberkraut, Frauenwurz oder Jungfernkraut niederschlägt. Zudem galt die Pflanze als Stärkungsmittel, Wärmespender und magischer Schutz. Auch das lässt sich in einigen seiner Bezeichnungen wie Machtwurz oder Mugwurz (german.: mug = wärmen) erkennen. Weitere Namen und gleichzeitig Hinweise auf seine Blütezeit sowie vielfältigen Effekte sind Sonnwendgürtel, Wisch, Buckell, Thorwurz, Werzwisch, Wilder Wermut, Beinweich-, Besen-, Bibis-, Diana-, Fliegen-, Gänse-, Gürtel-, Johannisgürtel-, Sonnenwend- und Stabkraut.

Die Phytopharmakognosie (Heilpflanzenkunde) schreibt dem Gemeinen Beifuß (Gewürzbeifuß) antibakterielle, antimykotische (Pilz bekämpfende), appetitanregende, beruhigende, stärkende, galletreibende, krampflösende, durchblutungs-, menstruations-, verdauungs- und wehenfördernde Eigenschaften zu. Deshalb gelten als seine Anwendungsgebiete Blähungen, Gallenprobleme, Übelkeit, Durchfall, Blasen- und chronische Eierstockentzündungen, Gebärmutterkrämpfe, Menstruations- und Wechseljahrsbeschwerden, Hämorrhoiden, Durchblutungsstörungen, kalte Hände und Füße, Mundgeruch, Muskelkater, müde Beine, Nervenanspannungen, Neuralgien, Schlafstörungen, Unruhe und Verdauungsschwäche.

Die Symptome, gegen die das Sonnwendkraut helfen soll, sind vielfältig. Die Anwendungsformen aber auch: In Öl angesetzt dient Beifuß z.B. zur Linderung von Beinbeschwerden. Seine Blüten und Blätter – zusammen mit Baldrian und Lavendel – in ein Kissen eingenäht, beruhigen mit angenehmem Duft. Beifußtee regt die Monatsblutung an. Ein warmes Fußbad mit Beifuß mildert Blasenkatarrh und Unterleibsprobleme.

Trotz des breiten Anwendungsspektrums ist der Gewürzbeifuß als Heilkraut – im Gegensatz zu seinem wirksameren, bittereren Pendant, dem Wermut – in der westlichen Phytotherapie  (Pflanzenheilkunde) fast in Vergessenheit geraten.

TCM und Beifuß

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) hingegen sind Beifuß-Blätter viel gebrauchter Bestandteil einer Heilmethode namens Moxibustion (Moxa-Therapie, Moxen). Dazu werden im Frühjahr die Blätter gesammelt, dann getrocknet, gereinigt und zerrieben bis eine Art feine Watte entsteht. Aus dem getrockneten Beifuß werden kleine Hütchen bzw. Kegel oder sogenannte Moxa-Zigarren gerollt. Angezündet und – je nach Beschwerdebild – an bestimmten Hautstellen (Punkte auf den Meridianen = Kanäle, in denen die Lebensenergie fließt) aufgesetzt (direkte Moxibustion), erzeugen die Kegel bzw. Zigarren Wärme, die über die Meridiane auf die Zielorgane einwirken soll. Um Verbrennungen zu vermeiden, kann man die Kegel mit Ingwer- oder Knoblauchscheiben unterlegen (indirekte Moxibustion).

Auch mit dem Kraut bestrichene Moxa-Pflaster können auf die Therapiepunkte geklebt werden. Seltener kommen Moxa-Nadeln – an Stahlnadeln befestigte glimmende Moxa – zum Einsatz, um die Wirkung einer Akupunkturbehandlung zu intensivieren.

Moxibustion wirkt bei Beschwerden und Krankheiten wie z.B.:

  • chronische Bronchitis und Asthma
  • depressive Verstimmungen, Schwäche- und Erschöpfungszustände
  • chronischer Durchfall
  • übermäßiges Schwitzen
  • Gelenksschmerzen und Hexenschuss
  • Bandscheibenvorfälle und andere degenerative Wirbelsäulenbeschwerden
  • Sehnenscheidenentzündungen
  • Muskelverspannungen, -zerrungen und –verhärtungen
  • Kältegefühl (kalte Extremitäten)
  • Erkrankungen des Verdauungstrakts wie z.B. Durchfallneigung oder Magenschmerzen
  • Abwehrschwäche, Infektanfälligkeit
  • Zyklusstörungen u.a.m.

Wann Beifuß schadet

Nicht eingesetzt werden darf Beifuß:

  • bei Fieber
  • in der Schwangerschaft (Gefahr: Fehlgeburt)
  • bei einer Beifuß-Allergie
  • als Moxa im Gesicht und an anderen exponierten Stellen sowie in der Nähe von Schleimhäuten (Gefahr: Narbenbildung).

Grundsätzlich soll Beifuß nicht überdosiert werden, um Überreaktionen zu vermeiden.

Küchenkraut Beifuß

Beifuß ist nicht nur ein Heilkraut. Das leicht bittere Gewürz fördert den Appetit und die Verdauung, regt die Magensaftbildung und den Gallefluss an. Optimale Voraussetzungen, das Kraut deftigen Speisen wie z.B. einem Gänsebraten beizufügen. Auch Suppen und Soßen lassen sich damit aufwerten.

 

Links zu unserem Lexikon:
Beifuß-Tee
Beifuß-Vollbad

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